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Erotik

Zwischen Seide und Sommerregen

Inhaltshinweis: Dieses Buch enthält explizit erotische Inhalte und ist nur für erwachsene Leser (18+) gedacht.

Kapitel 1 · Ankunft im Niemandsland

„Ich hatte eine Reservierung für dieses Wochenende gemacht. Auf den Namen Brenner."

Die Frau hinter der kleinen Rezeption — nicht älter als zwanzig, mit einem losen Zopf und einem leicht abgelenkten Blick — tippte etwas in ihren Bildschirm, während Lena die Riemen ihrer Tasche von einer Schulter auf die andere schob. Die Fahrt hatte länger gedauert als geplant. Nicht wegen des Verkehrs, sondern wegen der letzten zwölf Kilometer, die sich durch einen Wald geschlängelt hatten, so eng und kurvenreich, dass Lena zweimal gedacht hatte, sie hätte sich verfahren. Kein Netz, keine Orientierung, nur das Rauschen der Bäume vor der Windschutzscheibe und das dumpfe Gefühl, das sich in den letzten Wochen in ihrer Brust eingenistet hatte wie ein schwerer, nicht abgelegter Mantel.

„Brenner, Lena?" Die junge Frau sah auf. „Zimmer sieben, direkt zum See. Sie haben Glück — das ist eines unserer schönsten." Sie klang, als würde sie diesen Satz zwanzig Mal am Tag sagen, aber das störte Lena nicht. Sie wollte keine Unterhaltung. Sie wollte ein Bett, ein offenes Fenster und drei Tage, in denen niemand etwas von ihr wollte.

Sie unterschrieb das Formular, steckte die Schlüsselkarte ein — ein echtes Metall-Ding, kein Plastikchip, das fiel ihr auf — und zog ihre Trolley-Tasche in Richtung der breiten Holztreppe. Hinter ihr öffnete sich eine Tür.

„Haben Sie Hilfe mit dem Gepäck?"

Die Stimme war ruhig. Nicht laut, nicht übertrieben höflich, sondern einfach — da. Lena drehte sich um, halb erwartet, einen Hotelangestellten in irgendeiner Art Uniform zu sehen. Stattdessen stand ein Mann in der Türrahmung, der zu dem Haus zu passen schien wie ein altes Möbelstück: nicht auffällig, aber irgendwie unverzichtbar für das gesamte Bild. Er trug ein dunkles Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, und hielt in einer Hand eine Tasse, die er offensichtlich gerade abgestellt hatte — der kleine Tisch neben ihm war noch leicht feucht von einem Wasserring.

„Danke, nein." Lena lächelte knapp. „Ich komme zurecht."

Er nickte. Kein Insistieren, kein aufgesetztes Bedauern. Nur dieses kurze Nicken, und dann — für eine Sekunde, nicht länger — ein Blick, der sie nicht einordnete, nicht bewertete, sondern einfach anschaute. Als würde er etwas lesen, das sie selbst nicht geschrieben hatte. Lena wandte sich wieder der Treppe zu und ärgerte sich leise darüber, dass sie seinen Blick überhaupt bemerkt hatte.

Das Zimmer war kleiner, als sie es sich vorgestellt hatte, aber auf eine Weise, die nicht beengte, sondern umschloss. Weiße Wände, grobe Holzdielen, ein Bett mit einem Leinenbezug in einem hellen Blaugrau. Das Fenster ging tatsächlich direkt auf den See hinaus — kein Baum, kein Dach dazwischen, nur Wasser und Himmel, und der Himmel war in diesem Moment so dunkel und aufgestaut, dass Lena unwillkürlich stehenblieb und das Gewitter förmlich riechen konnte, das sich draußen zusammenbraute. Der See lag still darunter, fast schwarz, und die Oberfläche zeigte noch keine Kräuselung, aber das war diese Art von Stille, die keine Ruhe ist — die Stille kurz vor dem ersten Donner.

Sie stellte ihre Tasche ab, zog die Schuhe aus und setzte sich auf die Bettkante. Für einen Moment tat sie gar nichts. Kein Telefon, kein Laptop, keine Liste. Nur dieser Blick auf das Wasser und das Bewusstsein, dass sie hier war, weit genug weg, dass die Agentur sie nicht einfach anrufen und sagen konnte: Lena, wir bräuchten dich kurz. Sie hatte das Wochenende freigenommen, was bedeutete, dass ihr Kollege Felix die laufenden Projekte übernahm, was bedeutete, dass die Layouts bis Montag nicht so sein würden, wie sie es gemacht hätte, was bedeutete — sie schloss die Augen. Hörte auf zu denken. Versuchte es zumindest.

Das Gewitter brach gegen acht Uhr los.

Lena hatte geduscht, sich in eine dünne Strickjacke gewickelt und dabei zugesehen, wie die ersten Tropfen das Fensterglas trafen — erst vereinzelt, zögernd, dann mit einer Entschlossenheit, die fast etwas Befreiendes hatte. Der Regen machte keine halben Sachen. Innerhalb von Minuten war das Glas eine einzige strömende Fläche, und der See verschwand dahinter wie eine Erinnerung. Der Donner rollte in langen Wellen über das Tal, und die kleinen Lampen im Zimmer flackerten einmal, zweimal, blieben dann aber an.

Sie hatte keinen Hunger, aber der Gedanke an das Zimmer allein mit dem Regen und ihren eigenen Gedanken war auf Dauer keine verlockende Aussicht. Also zog sie sich Jeans an, ließ die Strickjacke an und ging nach unten.

Die Bar war klein und lag im hinteren Teil des Erdgeschosses, getrennt vom Speisesaal durch eine halb geöffnete Glasschiebetür. Vier Tische, eine lange Holztheke, dahinter Regale mit Flaschen, deren Etiketten Lena nicht alle kannte. Zwei ältere Männer saßen am Fenster und spielten Karten, offensichtlich Stammgäste, die das Gewitter so wenig beeindruckte wie eine verspätete Straßenbahn. Lena setzte sich an die Theke, so weit von ihnen entfernt wie möglich, und wartete.

„Weißwein? Oder lieber etwas Wärmeres?"

Sie sah auf. Hinter der Theke stand derselbe Mann wie vorhin im Eingangsbereich — ohne die Tasse diesmal, aber mit demselben ruhigen Gesichtsausdruck, der irgendwie schwer zu deuten war, ohne dass er irgendetwas verbarg. Er wartete einfach auf ihre Antwort, ohne ihr dabei das Gefühl zu geben, dass er auf etwas wartete.

„Weißwein", sagte sie. Und dann, weil ihr der Gedanke erst im Nachhinein kam: „Sind Sie der Besitzer?"

„Jonas Frey." Er reichte ihr nicht die Hand — das wäre an einer Theke seltsam gewesen — aber er sagte seinen Namen so, als wäre es eine vollständige Antwort. Er griff nach einer Flasche, ohne sie zu fragen, welchen Wein, und das hätte sie normalerweise gestört. Stattdessen beobachtete sie, wie er einschenkte: gleichmäßig, ohne Hast, ohne dieses performative Aufmerksamkeitsbedürfnis, das manche Barkeeper an den Tag legten.

„Lena Brenner", sagte sie, halb als Reaktion auf seinen Namen, halb weil ihr nichts anderes einfiel.

„Ich weiß." Er stellte das Glas vor ihr ab. „Zimmer sieben."

„Natürlich." Sie nahm das Glas. Der Wein war kühl und hatte einen leichten Geschmack nach grünem Apfel und etwas Mineralischem, das sie nicht genau benennen konnte. „Führen Sie das Hotel schon lange?"

„Sieben Jahre." Er lehnte sich leicht gegen das Regal hinter sich, nicht ungeduldig, nicht besonders gesprächig, aber auch nicht abweisend. „Es gehörte meinen Eltern. Davor war es ein Forsthaus."

Lena nickte und sah auf den Regen, der die großen Fenster der Bar in lebendige Vorhänge verwandelte. Draußen war nichts mehr zu erkennen außer dem gelegentlichen Aufblitzen eines Blitzes, der für eine Sekunde den See aufriss und wieder verschwinden ließ. Das Donnergrollen kam danach mit einem kurzen, dumpfen Schlag, der die Fensterrahmen leicht vibrieren ließ.

„Haben Sie das gerne?" fragte sie dann, ohne genau zu wissen, warum. „So weit draußen?"

Jonas sah sie an. Nicht überrascht von der Frage, aber nachdenklich — als würde er sie ernstnehmen, anstatt reflexhaft zu antworten. „Es gibt Tage, an denen ich es vergesse", sagte er schließlich. „Und Tage, an denen ich froh bin, dass es nichts zu vergessen gibt."

Lena trank einen Schluck Wein und ließ den Satz für einen Moment stehen. Es war keine besonders tiefe Aussage, und doch hatte sie dieses merkwürdige Gewicht, das manche Sätze haben, wenn sie aus einer wirklichen Überzeugung kommen und nicht aus dem Wunsch, klug zu klingen. Sie kannte das Gegenteil davon gut genug: die Konferenzzimmer, die Pitch-Präsentationen, die Sätze, die nach etwas klingen sollten und es nicht waren.

Einer der Kartenspieler am Fenster rief etwas in Jonas' Richtung, und er antwortete mit einem kurzen Lachen und einem Satz, den Lena nicht ganz verstand — irgendwas über die Flasche Schnaps, die die beiden offensichtlich schon vor ihr bestellt hatten. Er bewegte sich zu ihnen, schenkte nach, tauschte ein paar Worte, und Lena benutzte die Zeit, um das Glas in beiden Händen zu halten und den Regen zu beobachten.

Sie dachte an ihren letzten Abend in der Stadt — an den Stapel Entwürfe auf ihrem Schreibtisch, die Korrekturmails, die sich zu einer Kette zusammengesetzt hatten wie Perlen auf einer zu kurzen Schnur, und an das Gefühl, das sich irgendwann eingeschlichen hatte: dass sie nicht mehr wusste, ob sie die Arbeit noch mochte oder ob sie nur noch gut darin war. Das war ein Unterschied, der sie nachts manchmal wachhielt.

Als Jonas zurückkam, schenkte er ihr nach, ohne zu fragen ob sie wollte. Diesmal störte es sie auch nicht.

„Sie kommen aus der Stadt", sagte er. Keine Frage.

„Ist es so offensichtlich?"

„Nicht offensichtlich." Er stellte die Flasche zurück. „Aber Sie haben diesen Blick, wenn Sie aus dem Fenster sehen. Als würden Sie ihn zum ersten Mal benutzen."

Lena öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie wollte widersprechen — reflexhaft, wie sie es immer tat, wenn jemand etwas über sie sagte, das zutraf. Aber der Wein und der Regen und die eigenartige Stille dieses Ortes hatten irgendetwas in ihr ein wenig weicher gestimmt, und so sagte sie stattdessen: „Das ist eine ziemlich genaue Beobachtung."

„Ich sehe viele Menschen, die herkommen", sagte er schlicht. „Irgendwann lernt man, was sie suchen."

„Und was suche ich?" Sie fragte es fast beiläufig, aber die Antwort interessierte sie tatsächlich, was sie selbst ein wenig überraschte.

Jonas sah sie an — dieser Blick wieder, der nicht beurteilte, sondern las. Dann schüttelte er leicht den Kopf. „Das sagen Sie mir besser selbst. Ich liege manchmal daneben."

Es war keine Ausweichung. Es war ehrlich gemeint, und Lena spürte das. Sie lachte kurz, leise, das erste Mal seit Stunden, und es fühlte sich seltsam an — nicht unangenehm, aber ungewohnt, wie ein Muskel, den man zu lange nicht benutzt hatte.

Das Gewitter zog sich über die nächste Stunde langsam zurück, nicht mit einem Ende, sondern mit einem allmählichen Nachlassen — der Regen wurde leiser, die Blitze seltener, der Donner entfernte sich wie jemand, der das Zimmer verlässt, ohne die Tür ganz zu schließen. Die beiden Kartenspieler verabschiedeten sich irgendwann, und Lena blieb noch eine Weile, länger als sie geplant hatte, ohne dass es sich angefühlt hätte, als würde sie auf etwas warten.

Als sie schließlich aufstand und ihre Jacke vom Stuhl nahm, sagte Jonas: „Der Morgen hier ist am schönsten direkt nach solchen Nächten. Wenn Sie früh genug aufstehen."

Lena hängte die Jacke über den Arm. „Wie früh?"

„Bevor der Nebel vom Wasser geht."

Sie nickte, ohne zu versprechen, dass sie es tun würde. Aber auf dem Weg nach oben, auf der Holztreppe, die unter ihren Schritten leise knackte, merkte sie, dass sie daran dachte. Und dass der Abend — dieser kurze, beiläufige Abend an einer kleinen Hotelbar im Regen — sich auf eine Art in sie eingedrückt hatte, die sie nicht erwartet hatte. Nicht durch etwas, das gesagt worden war. Sondern durch etwas, das zwischen den Worten geblieben war, still und unbenannt wie der See hinter dem Fensterglas.

In Zimmer sieben ließ sie das Fenster einen Spaltbreit offen. Der Regen war jetzt kaum mehr als ein Raunen. Sie legte sich hin, ohne das Licht anzumachen, und hörte das Wasser, das von den Dachtraufen tropfte, und irgendwo, sehr weit unten im Haus, das leise Geräusch einer Tür, die geschlossen wurde.

Kapitel 2 · Das Zimmer mit dem weiten Blick

Lena zog den Reißverschluss ihres Koffers auf, ohne zu wissen, was sie eigentlich suchte. Ihre Hände griffen nach dem gefalteten Leinenpyjama, legten ihn auf das Bett, griffen wieder danach, legten ihn anders hin. Es war diese kleine Geste, die sie innehalten ließ — dieses sinnlose Ordnen, dieses Bedürfnis, auch hier noch Kontrolle zu üben, obwohl niemand zusah. Sie ließ den Stoff los und richtete sich auf.

Das Zimmer war größer, als es von der Tür aus gewirkt hatte. Eine hohe Decke, cremefarbene Wände mit dem Hauch von Elfenbein, ein breites Bett mit dunkelblauer Bettwäsche, die nach frischer Luft und etwas Lavendelartigem roch. Nicht aufdringlich. Nur eine Erinnerung daran, dass hier jemand Sorgfalt aufgewendet hatte. Auf dem kleinen Schreibtisch stand eine Karaffe mit Wasser, daneben ein einzelnes Glas, und neben dem Fenster — dem Fenster, das fast die gesamte Wand einnahm — lehnte ein schmaler Sessel in warmem Ocker, als hätte er dort schon immer gewartet. Auf jemanden wie sie. Auf jemanden, der ankam und nicht wusste, wie er sich setzen sollte.

Lena trat ans Fenster.

Der See lag grau und schwer unter dem verhangenen Abendhimmel, keine Grenze mehr zwischen Wasser und Wolken, alles ineinander verschwommen zu einem einzigen stillen Atemzug. Das Gewitter, das sie auf der Fahrt hierher fast eingeholt hatte, war irgendwo jenseits der Berge versickert und hatte nur diesen schweren, feuchten Nachhall hinterlassen, der sich in die Luft gelegt hatte wie eine nicht ausgesprochene Frage. Tropfen liefen die Fensterscheibe hinab — langsam, mit dieser eigentümlichen Würde, die Wasser immer hat, wenn es sich seinen eigenen Weg sucht. Lena legte die flache Hand gegen das Glas. Kühl. Glatt. Real.

Sie hatte den Laptop nicht ausgepackt. Das war neu. Sonst war er das Erste, was auf den Tisch kam, noch bevor die Schuhe ausgezogen waren, noch bevor sie überhaupt entschieden hatte, ob das Zimmer ihr gefiel. Der Laptop als Beweis dafür, dass sie arbeitete, dass sie produktiv war, dass die Reise einen Zweck hatte jenseits des bloßen Atmens. Heute Abend blieb er im Koffer. Vielleicht wegen Jonas Freys Blick an der Bar, der etwas in ihr berührt hatte, das sie nicht benennen konnte. Vielleicht wegen dem Regen. Vielleicht wegen gar nichts, und sie überinterpretierte schon wieder alles.

Sie ließ ihren Blick über den See schweifen, über die dunklen Wasserflächen, die sich kaum bewegten, über den kleinen Steg aus verwittertem Holz, der sich zwanzig Meter ins Wasser schob. Und dann sah sie ihn.

Jonas stand am Ende des Stegs. Er hatte die Hände in die Hosentaschen vergraben, die Schultern leicht vorgebeugt — nicht aus Kälte, dachte Lena, sondern aus dieser Art von Versunkenheit, die man nur kennt, wenn man allein ist und nicht beobachtet zu werden glaubt. Er trug kein Jacket, nur ein dunkles Hemd, das der feuchte Wind leicht in Bewegung setzte. Er schaute auf das Wasser. Einfach so. Ohne Telefon, ohne Aufgabe, ohne erkennbaren Grund, dort zu stehen, außer dem, dort zu sein.

Lena beobachtete ihn länger, als es ihr bewusst war.

Es gab etwas Merkwürdiges an dem Bild — der Mann, der dieses Haus besaß, all diese Räume und Betten und sorgfältig platzierten Karaffen mit Wasser, der stand jetzt draußen im Nieselregen und schaute auf seinen See, als wäre er selbst nur zu Besuch. Als gehörte die Einsamkeit zu seinem Abend wie das Abendbrot zu ihrem. Sie dachte an das, was er ihr an der Bar gesagt hatte, mit dieser ruhigen Direktheit, die nicht aufdringlich gewesen war, sondern einfach präzise: Man merkt, wenn jemand ankommt, weil er kommen wollte — und wenn jemand flieht. Er hatte es nicht als Anklage gemeint, das spürte sie noch jetzt. Eher wie eine Beobachtung, die er ihr überließ, ohne darauf zu bestehen, dass sie etwas damit anfing.

Sie hatte ihm keine Antwort gegeben. Hatte ihr Glas abgestellt, eine halbe Drehung gemacht, etwas über die frühe Stunde gesagt. Und dann war sie gegangen, weil es einfacher war, als zuzugeben, dass er recht hatte.

Lena löste ihre Hand vom Glas, und dort, wo ihre Handfläche gelegen hatte, blieb ein beschlagener Abdruck zurück, der sich langsam auflöste. Sie betrachtete ihn, bis er verschwunden war. Dann schaute sie wieder auf den Steg. Jonas hatte sich nicht bewegt. Er stand noch immer dort, die Hände in den Taschen, den Blick aufs Wasser gerichtet, und Lena fragte sich, woran er dachte. Ob er überhaupt dachte. Ob er einfach nur stand und atmete und das für ausreichend hielt.

Sie beneidete ihn darum.

Nicht um ihn als Person, nicht um sein Leben, das sie nicht kannte. Nur um diese Geste, um diese scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der er sich erlaubte, einfach da zu sein. Kein Rechtfertigungszwang, keine innere Stimme, die fragte, ob das nicht Zeitverschwendung sei, ob man das nicht produktiver gestalten könnte. Lena hatte diese Stimme seit Jahren. Sie hatte gelernt, mit ihr zu schlafen, mit ihr Kaffee zu trinken, mit ihr Projekte abzuliefern und Deadlines zu jonglieren, bis die Stimme und sie selbst kaum noch voneinander zu unterscheiden waren. Manchmal wusste sie nicht mehr, was sie wollte, wenn die Stimme schwieg. Ob sie überhaupt noch etwas wollte, das nicht vorher bewertet und für sinnvoll befunden worden war.

Sie wandte sich vom Fenster ab.

Das Bett sah aus wie eine Einladung, aber sie war nicht müde, nur leer auf diese bestimmte Art, die mit Schlafen nichts zu tun hatte. Sie zog die Schuhe aus, ließ sie einfach stehen, wo sie standen, und setzte sich in den Ocker-Sessel. Das Leder war weich und leicht angewärmt, als hätte die Lampe daneben es den ganzen Abend vorbereitet. Lena streckte die Beine aus, ließ den Kopf gegen die hohe Rückenlehne sinken und schloss die Augen.

Stille. Echte Stille, nicht die gedämpfte Stille ihrer Stadtwohnung, die immer unterlegt war mit dem Summen des Kühlschranks, dem fernen Sirren der Straßenbahn, dem Murmeln des Nachbarn durch die Wand. Diese Stille hier hatte Textur. Das leise Prasseln des Regens gegen das Fenster, das gelegentliche Knarzen des alten Hauses, das Atmen des Sees draußen — das alles war kein Lärm, sondern eher die Grundlinie von etwas, das sie seit Monaten nicht mehr gehört hatte. Vielleicht seit Jahren.

Ihr Atem verlangsamte sich.

Sie dachte an das Projekt, das noch auf sie wartete — die Kampagne für den Kunden, dessen Briefing sie drei Mal gelesen hatte, ohne einen einzigen brauchbaren Gedanken zu fassen. Sie dachte daran, und dann ließ sie den Gedanken los. Er zog ab wie Rauch. Kein Festhalten, kein schlechtes Gewissen, einfach — weg. Das überraschte sie so sehr, dass sie die Augen öffnete.

Draußen vor dem Fenster, in der nassen Dämmerung, war der Steg leer.

Jonas war nicht mehr zu sehen. Irgendwann, während sie die Augen geschlossen gehalten hatte, war er gegangen, und sie hatte es nicht bemerkt. Das hinterließ ein kleines, unerwartetes Gefühl, das sie nicht sofort einordnen konnte. Kein Verlust, nichts so Deutliches. Eher wie das Ende einer Melodie, die man nicht ganz gehört hat und die deshalb nachhallt, weil man sie nicht zu Ende denken konnte. Sie blieb sitzen und schaute auf den leeren Steg, auf das dunkle Wasser dahinter, auf die Lichter, die sich irgendwo in der Ferne andeuteten, jenseits des Sees, in Häusern, von denen sie nichts wusste.

Andere Leben. Andere Abende.

Lena stand schließlich auf, nicht weil sie musste, sondern weil die Stille plötzlich eine andere Qualität angenommen hatte — einladender, weiter, als könnten sich ihre Gedanken darin ausdehnen, ohne gegen Wände zu stoßen. Sie ging ins Bad, ließ Wasser in die tiefe Wanne laufen, die neben dem Fenster stand, auch dieses mit Blick auf den See. Jemand hatte hier sehr sorgfältig nachgedacht, wo man Fenster platziert, dachte sie. Jemand hatte verstanden, dass ein Blick auf Wasser beim Einschlafen hilft, dass man Weite braucht, auch wenn man in einem kleinen Zimmer liegt.

Sie fragte sich, ob Jonas das selbst entschieden hatte oder ob es ein Architekt gewesen war. Dann fragte sie sich, warum sie das fragte.

Das Wasser war heiß und roch nach Zedernholz und etwas Zitrusartigem, das sie nicht identifizieren konnte, das aber sofort etwas in ihr entspannte, noch bevor sie eingestiegen war. Sie ließ sich ins Wasser gleiten, langsam, mit dieser Achtsamkeit, die man dem eigenen Körper gegenüber nur aufbringt, wenn niemand wartet, wenn kein Telefon klingeln wird, wenn der Abend einfach nur der Abend ist und nichts außerdem. Die Hitze legte sich um ihre Schultern wie etwas, das sie schon lange nicht mehr gespürt hatte: Nachsicht. Mit sich selbst.

Sie schloss die Augen.

Jonas Freys Stimme kam ihr in den Sinn, ruhig und ohne Eile, wie alles an ihm ruhig und ohne Eile gewesen war. Man merkt, wenn jemand ankommt, weil er kommen wollte. Was hatte er damit gesehen? Was war so offensichtlich an ihr gewesen, dass ein Fremder es in einem einzigen Satz benennen konnte? Sie dachte darüber nach, ohne sich zu verteidigen, ohne die Gedanken wegzuschieben. Das Wasser war heiß, der Regen draußen rauschte leiser jetzt, und irgendwo im Haus war ein Geräusch — Schritte vielleicht, gedämpft durch alte Dielen —, das sie nicht beunruhigte, sondern das Gegenteil bewirkte. Die Erinnerung daran, dass sie nicht allein war in diesem großen, stillen Haus.

Nicht einsam. Nur allein.

Das war ein Unterschied, den sie eine Weile nicht mehr gespürt hatte, und während das Wasser sich um sie legte und der See draußen im Dunkeln lag und das Haus um sie herum seine eigene, ruhige Geschichte atmete, begann Lena Brenner zum ersten Mal seit langer Zeit, sich nicht zu fragen, was als nächstes kommen würde. Sie ließ den Moment einfach bestehen. Ließ ihn schwer sein und warm und unfertig und vollkommen ausreichend, genau so wie er war.

Draußen begann es stärker zu regnen.

Kapitel 3 · Erste Worte an der Bar

Warum hatte sie sich eigentlich ein Buch mitgenommen?, fragte Lena sich, während sie die Treppe hinunterging und das Gewicht des ungelesenen Romans in ihrer Tasche spürte. Drei Tage, hatte sie sich versprochen. Drei Tage, in denen sie endlich wieder lesen würde, schlafen, atmen. Und stattdessen stand sie jetzt hier, frisch geduscht und mit einem Hunger, den sie nicht ganz benennen konnte, am Fuß der alten Holztreppe und horchte in das stille Haus hinein.

Die Bar lag am Ende des Flurs, hinter einer schweren Glastür, die einen Spalt offen stand. Durch den Spalt drang ein warmes, gedämpftes Licht — das gelbliche Leuchten einer einzigen Hängeleuchte über der Theke, das an alten Bernstein erinnerte. Lena zögerte einen Moment. Sie hätte auch auf ihr Zimmer zurückkehren können, Tee kochen, die Fensterläden öffnen und den Regen hören, der nach wie vor leise gegen die Scheiben tippte. Es wäre die vernünftigere Wahl gewesen. Die kontrollierte.

Sie drückte die Tür auf.

Jonas stand hinter der Theke und polierte ein Weinglas mit einem weißen Tuch, so ruhig und selbstverständlich, als hätte er die ganze Zeit auf sie gewartet, ohne es zu wissen. Er trug ein dunkelblaues Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, und als er aufsah, war da kein Überraschungsfunken in seinem Blick — nur eine Art ruhige Anerkennung, als würde er einen Satz zu Ende lesen, den er schon begonnen hatte. „Ich hatte gehofft, dass noch jemand kommt," sagte er, und es klang nicht wie eine Floskel.

Lena setzte sich auf einen der hohen Barhocker, legte die Tasche mit dem ungelesenen Buch auf den Nachbarhocker und betrachtete kurz die Flaschen hinter ihm — eine ordentliche Reihe, gut ausgewählt, kein aufgeblasenes Sortiment. „Einen Weißwein," sagte sie. „Was auch immer Sie empfehlen." Es war das erste Mal seit Wochen, dass sie eine Wahl einfach abgab, und sie merkte, wie seltsam leicht sich das anfühlte.

Er griff ohne langes Überlegen nach einer Flasche, die bereits geöffnet war, und schenkte ihr ein. „Grüner Veltliner. Aus der Wachau. Der hat genau die richtige Menge Eigensinn." Er schob ihr das Glas hin und schenkte sich dann selbst ein — eine kleine, beiläufige Geste, die sie nicht erwartet hatte. „Wenn Sie nichts dagegen haben. Die anderen Gäste schlafen bereits, und ich trinke ungern allein."

„Wie viele Gäste haben Sie gerade?", fragte sie und nippte am Wein. Er hatte recht — er hatte tatsächlich Eigensinn, frisch und mineral, mit einem langen Nachklang, der blieb.

„Sie," sagte er. „Und ein Paar aus Wien, das morgen früh abreist. Die sind seit heute Mittag nicht mehr aus dem Zimmer gekommen." Er sagte es ohne jede Anzüglichkeit, einfach als Tatsache, und lächelte dabei so knapp, dass man sich fragen konnte, ob man es überhaupt gesehen hatte. „Das Haus ist also im Wesentlichen Ihres."

Lena drehte das Glas zwischen den Fingern. „Das klingt nach einem schlechten Geschäft für Sie."

„Das kommt auf die Perspektive an." Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Ablage hinter ihm und verschränkte die Arme, nicht abweisend, sondern nachdenklich. „Im Sommer ist es manchmal voller, manchmal leerer. Ich habe aufgehört, es als Maßstab zu benutzen."

„Als Maßstab wofür?"

Er überlegte eine Sekunde. „Ob es sich lohnt. Ob der Tag gut war." Er sah sie dabei direkt an, und Lena hatte das merkwürdige Gefühl, dass er die Frage nicht für sie beantwortet hatte, sondern für sich selbst, und sie dabei trotzdem mit einbezog. „Das war eine Weile lang ein Problem. Dass ich Auslastung mit Bedeutung verwechselt habe."

Lena trank einen Schluck und sagte nichts. Draußen tippte der Regen weiter, gleichmäßig und geduldig, und in der Bar war es so still, dass man das leise Knacken des alten Holzes hören konnte, das sich in der Feuchtigkeit bewegte. Sie war es nicht gewohnt, Stille zuzulassen, ohne sie sofort zu füllen — mit Arbeit, mit Plänen, mit dem nächsten To-do, das bereits auf dem nächsten wartete. Aber hier, in diesem bernsteinfarbenen Licht, mit dem Weinglas in der Hand und diesem Mann, der sie nicht zu unterhalten versuchte, fühlte die Stille sich anders an. Nicht wie Leere. Eher wie Raum.

„Ich habe seit vier Monaten keinen Urlaub genommen," sagte sie schließlich, und sie wusste nicht genau, warum sie das sagte. Es war keine Klage. Eher eine Bestandsaufnahme, die sie zum ersten Mal laut aussprach.

Jonas hob die Augenbrauen, kaum merklich. „Vier Monate."

„Neun, eigentlich. Wenn man es genau nimmt." Sie lachte kurz, und es klang ehrlicher als sie wollte. „Im Winter war ein verlängertes Wochenende geplant, das ich dann abgesagt habe. Wegen eines Projekts, das dann doch nicht so dringend war, wie ich dachte."

„Aber Sie haben es trotzdem gemacht."

„Natürlich." Sie sagte es ohne Zögern, und dann hörte sie sich selbst und hielt inne. „Das klingt alberner als es ist."

„Nein," sagte er, und seine Stimme hatte diese ruhige Qualität, die weder urteilte noch tröstete. „Es klingt vertraut." Er nahm sein Glas und trat einen halben Schritt näher an die Theke heran, nicht bedrängend, nur weniger weit entfernt. „Ich habe das Hotel vor drei Jahren übernommen. Die ersten eineinhalb Jahre habe ich keinen einzigen Tag freigehabt. Nicht weil es nötig war — sondern weil ich nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte, wenn ich aufhörte."

Lena sah ihn an. „Und jetzt wissen Sie es?"

Er überlegte. „Ich lerne es noch." Ein kurzes Schweigen. „Ich gehe manchmal an den Steg. Auch wenn es regnet." Er sagte es beiläufig, aber sie verstand, dass er wusste, dass sie ihn gesehen hatte. Nicht als Vorwurf. Nur als kleines Eingeständnis, das er ihr reichte wie etwas Zerbrechliches.

Lena spürte, wie sich etwas in ihr leise verschob. Sie hatte ihn heute Abend vom Fenster aus beobachtet — diese stille Gestalt im Regen, die Hände in den Taschen, das Gesicht zum Wasser gewandt. Sie hatte es als Einsamkeit gelesen, und vielleicht war es das auch. Aber jetzt, in seinem Erzählen, klang es weniger nach Einsamkeit als nach einer bewussten Übung. Als würde er üben, einfach da zu sein.

„Was sehen Sie, wenn Sie da stehen?", fragte sie.

Er dachte nach, ohne die Frage abzuwimmeln. „Meistens das Wasser. Manchmal gar nichts. Das ist der Punkt." Er trank. „Es ist schwerer als es klingt, einfach nichts zu sehen."

„Ich weiß." Sie sagte es leise, und es war das Ehrlichste, was sie den ganzen Abend gesagt hatte. Denn sie wusste es tatsächlich — dieses Gefühl, wie der Kopf sofort anfing zu arbeiten, sobald man ihn ließ, wie die Liste, die Ideen, die Sorgen in die Lücke drängten, bevor die Lücke überhaupt entstanden war. Wie man verlernte, Pause zu machen, weil Pause sich anfühlte wie Versagen.

Jonas schenkte nach, ohne zu fragen. Es war die Art Geste, die keine Erlaubnis brauchte, weil sie so natürlich war, so wenig aufgeladen. Lena ließ es geschehen und merkte, dass sie nicht mehr an den Rücken ihres Stuhls gelehnt saß, sondern sich leicht nach vorne gebeugt hatte, die Ellbogen auf der Theke, das Glas nah. Irgendwann in den letzten zwanzig Minuten hatte sich die Distanz zwischen ihnen verringert, ohne dass einer von beiden einen bewussten Schritt getan hatte.

„Wie sind Sie zur Grafikdesign gekommen?", fragte er, und es überraschte sie, dass er sich das gemerkt hatte — sie musste es vorhin kurz erwähnt haben, beim Einchecken, in einem dieser höflichen Satzbrösel, die man fallen lässt, ohne sie zu meinen.

„Durch einen Umweg," sagte sie. „Ich wollte ursprünglich Architektur studieren. Aber ich hatte Angst vor dem, was Architektur bedeutet — dass die Dinge wirklich gebaut werden, dass sie wirklich stehen, dass man nicht mehr zurück kann." Sie hörte sich selbst zu und wunderte sich, wie klar das klang, jetzt, wo sie es sagte. „Im Design kann man immer noch eine Schicht drüber legen. Es ist nie ganz fertig."

Er nickte langsam. „Das klingt nach Kontrolle."

„Das ist Kontrolle." Sie lächelte, und es war kein defensives Lächeln. „Ich weiß das. Ich bin nur noch nicht sicher, ob ich es ändern will."

„Vielleicht muss man es nicht ändern wollen," sagte er. „Vielleicht reicht es, es zu kennen." Er lehnte sich jetzt ebenfalls leicht auf die Theke, und sie waren nah genug, dass sie den Geruch seines Hemdes wahrnahm — frisch, mit einem Hauch von etwas Holzigem, das sie nicht benennen konnte. „Ich war früher Restaurantleiter in Wien. Fünf Jahre. Sehr kontrolliert, sehr strukturiert, sehr erfolgreich." Er betonte das letzte Wort so, dass es nach einer freundlichen Ironie klang. „Und dann habe ich meinen Vater beerbt, dieses kleine, etwas ramponierte Haus am See geerbt, und alles, was ich kontrolliert hatte, war plötzlich weg. Und ich habe gemerkt, dass die Kontrolle nicht verschwunden war — sie hatte nur die Form gewechselt."

„Was meinen Sie damit?"

„Ich meine, dass ich immer noch kontrolliere. Aber jetzt kontrolliere ich, ob der Steg morgens trocken genug ist, damit sich jemand hinsetzt. Ob der Wein bei der richtigen Temperatur liegt. Ob die Gäste das Haus verlassen und das Gefühl haben, dass sie sich an etwas erinnern werden." Er hielt inne. „Das ist auch Kontrolle. Nur eine, die ich nicht mehr schäme."

Lena sah ihn eine Sekunde zu lang an. Es war dieser Moment, den sie kannte — der Moment, kurz bevor man etwas sagt, das man nicht zurücknehmen kann, oder kurz bevor man es lässt. Sie ließ es. Trank stattdessen. Spürte den Wein warm in der Brust.

„Sie haben das schon jemandem erzählt," sagte sie schließlich. „Nicht so. Aber das Gefühl dahinter."

Er sah sie an, und etwas in seinem Blick öffnete sich einen Moment lang, bevor es sich wieder schloss — nicht verschlossen, nur zurückgenommen. „Nein," sagte er ruhig. „Eigentlich nicht."

Das Schweigen, das folgte, war kein unbequemes. Es war das Schweigen nach einem Satz, der angekommen ist und Zeit braucht, um sich zu setzen. Draußen hatte der Regen sich verändert — er war gleichmäßiger geworden, voller, ein sanftes Rauschen, das das Haus umhüllte wie ein zweites Dach. Lena dachte daran, wie sie vorhin im Bad gesessen hatte, das heiße Wasser bis zum Rand, und wie sie in diesem Moment zum ersten Mal seit Monaten nichts geplant hatte. Kein nächster Schritt. Kein nächstes Projekt. Nur das warme Wasser und die Stille.

„Ich sollte wahrscheinlich schlafen gehen," sagte sie, ohne es zu meinen.

„Wahrscheinlich," sagte er, ohne es zu bestätigen.

Sie blieben noch eine Weile sitzen. Das Licht über der Theke summte leise. Irgendwo im Haus tickte eine alte Uhr. Und zwischen ihnen lag etwas, das keinen Namen hatte und keinen brauchte — nur diese Wärme, diese Nähe, diese Spannung, die so leise war, dass man sie fast für Ruhe halten konnte. Fast.

Als Lena schließlich aufstand und ihre Tasche nahm, streckte Jonas die Hand aus und schob ihr Glas ein kleines Stück zur Seite — eine winzige, völlig bedeutungslose Geste. Und doch blieb sie ihr, als sie die Treppe hinaufstieg, im Gedächtnis haften. Nicht wegen dem, was sie bedeutete. Sondern wegen dem, was sie hätte bedeuten können.

Kapitel 4 · Was der Regen verrät

Der Geruch erreichte sie zuerst — dieses erdige, fast mineralische Aufsteigen, das entsteht, wenn trockener Boden plötzlich Wasser trinkt. Lena lag noch im Bett und hatte die Augen offen, während das Zimmer sich um sie herum in der Dunkelheit auflöste. Das Laken war leicht verschoben, die Bettdecke irgendwann in der Nacht von ihr weggekickt worden, ohne dass sie es bemerkt hätte. Nur dieser Geruch — Petrichor, fiel ihr das Wort ein, irgendwo hatte sie es einmal gelesen — hielt sie fest in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachsein, der sich wie Schwebung anfühlte.

Dann kam das Geräusch. Kein langsames Anschwellen, kein sanftes Klopfen einzelner Tropfen — das Gewitter brach ohne Vorwarnung über den See herein, als hätte jemand einen riesigen Eimer umgekippt. Das Prasseln auf dem Dach war rhythmisch und rücksichtslos zugleich, und Lena richtete sich auf, weil sie plötzlich wusste, dass Schlafen heute Nacht keine Option mehr war. Nicht mit diesem Lärm. Nicht mit diesem Geruch. Nicht mit den Gedanken, die seit dem Abend an der Bar wie kleine Kieselsteine in ihr rollten und keine ruhige Stelle fanden.

Sie griff nach dem dünnen Baumwollmantel, den sie über den Stuhl am Fenster gehängt hatte, und zog ihn über das Schlafshirt. Ihre Füße fanden die Sandalen auf dem Boden, tastend, ohne Licht. Das Zimmer kannte sie inzwischen gut genug: die drei Schritte bis zur Balkontür, der leichte Widerstand des Griffs, das Schieben. Die Tür öffnete sich zur überdachten Terrasse hin, die sich entlang der gesamten Rückseite des Hotels erstreckte und direkt auf den See blickte — oder auf das, was jetzt von ihm noch zu erkennen war. Der See war unsichtbar geworden. Nur das Rauschen, das Prasseln, das Trommeln auf dem Vordach, das Rauschen von Wasser auf Wasser, überall.

Lena lehnte sich gegen den hölzernen Geländerpfosten und ließ die Feuchtigkeit an ihre Wangen kommen. Der Regen fiel schräg, nicht weit genug, um sie zu treffen, aber nah genug, dass sie die feinen Sprühtropfen auf den Unterarmen spürte — kühl, fast unwirklich nach der Wärme des Tages. Sie schloss kurz die Augen. In der Stille hinter dem Lärm — denn es gab eine solche Stille, paradoxerweise, in der Mitte des Gewitters — wurde ihr klar, dass sie seit Stunden an Jonas gedacht hatte. Nicht auf eine aufgeregte, nervöse Art, sondern auf diese merkwürdig ruhige Weise, die manchmal gefährlicher ist: als Frage, die sich selbst stellt, ohne auf Antwort zu drängen.

Sie hörte ihn, bevor sie ihn sah. Ein leises Geräusch — das Schieben einer Tür, vielleicht zwanzig Meter weiter auf der Terrasse, das Knarzen einer Diele. Lena drehte den Kopf und wartete. Einen Moment lang dachte sie, sie hätte sich getäuscht, aber dann löste sich eine Gestalt aus dem Dunkel am anderen Ende der Terrasse. Jonas. Er trug ein helles Leinenhemd, die Ärmel hochgekrempelt, und stand zunächst still, als hätte er etwas gesucht und gefunden, ohne es erwartet zu haben.

Keiner von beiden sagte etwas. Er kam langsam näher, die Hände in den Hosentaschen, die Schritte bedächtig auf dem nassen Holz der Terrassendiele. Als er neben ihr ankam, blieb er einfach stehen — nicht zu nah, nicht mit Abstand, sondern in dieser Zone, die zwischen Vertrautheit und Vorsicht liegt und die man nicht mit Worten beschreiben kann, sondern nur mit dem Körper kennt. Lena bemerkte, dass ihre Schultern fast auf gleicher Höhe waren. Fast.

„Du auch nicht", sagte er schließlich. Es war keine Frage.

„Nein", antwortete sie. „Du auch nicht."

Das war alles. Der Regen füllte den Rest. Er prasselte auf das Wellblechdach des Bootshauses unten am Ufer, ein anderer Rhythmus als auf dem Holz der Terrasse, ein anderer wieder auf dem See selbst — ein breites, flaches Rauschen, das sich wie ein Teppich unter allem anderen ausbreitete. Lena spürte, wie ihre Schultern sich entspannten, Millimeter um Millimeter, ohne dass sie es entschieden hätte. Es passierte einfach, weil das Gewitter zu laut war für Anspannung, weil die Nacht zu dunkel war für Kontrolle, weil Jonas neben ihr stand und schwieg auf eine Weise, die sich nicht nach Schweigen anfühlte.

„Ich hab früher Gewitter geliebt", sagte sie nach einer Weile. Ihre Stimme klang seltsam in der Nacht, ein bisschen fremd, als gehörte sie nicht ganz ihr. „Als Kind. Ich hab immer am Fenster gesessen und gezählt — zwischen Blitz und Donner. Für jede Sekunde ein Kilometer Entfernung."

„Und?" Er sah sie dabei nicht an. Er sah auf den Regen.

„Und irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Ich weiß nicht genau wann." Sie pausierte. „Vielleicht als Gewitter aufgehört haben, spannend zu sein, und nur noch lästig wurden. Wegen Terminen. Wegen nasser Schuhe."

Jonas sagte nichts darauf, aber sie sah, wie sein Mundwinkel sich leicht hob. Keine Antwort, kein Kommentar — er ließ ihre Worte einfach im Raum stehen, gab ihnen Platz. Das war etwas, das Lena an ihm bemerkt hatte, schon an der Bar: Er widersprach nicht reflexartig, er bestätigte nicht reflexartig. Er hörte zu auf eine Art, die sich wie eine seltene Form der Aufmerksamkeit anfühlte.

Ein Blitz erhellte für einen Moment den See — weit draußen, irgendwo jenseits des gegenüberliegenden Ufers, und in diesem weißen Aufflackern sah Lena das Wasser, die Bäume, das kleine Ruderboot, das am Steg unten schwankte. Und sie sah Jonas' Profil. Den geraden Nasenrücken, die leichte Unordnung seines Haars. Die Art, wie er die Lippen leicht zusammenpresste, als dächte er gerade an etwas, das er nicht laut sagen wollte. Dann war es wieder dunkel.

„Was hält dich wach?", fragte sie. Sie hatte sich nicht vorgenommen, das zu fragen. Es kam einfach heraus, weil die Nacht es erlaubte — diese merkwürdige Lizenz, die Dunkelheit und Regen manchmal geben, Dinge zu sagen, die man am Tage für sich behalten würde.

Er schwieg einen Moment. „Das Haus", sagte er dann. „Nicht auf eine schlechte Art. Einfach — manchmal liegt man da und denkt an die Dinge, die man noch nicht erledigt hat. Das Dach über dem Wintergarten. Die Buchführung für den letzten Monat. Ob der Gast in Zimmer drei gut schläft." Er machte eine kurze Pause. „Und dann schläft man selbst nicht."

„Sorgen um Zimmer drei?", sagte Lena, und in ihrer Stimme war ein leises Lächeln.

„Zimmer drei schläft offensichtlich auch nicht", sagte er.

Diesmal lachte Lena wirklich — leise, fast unhörbar gegen den Regen, aber es war da. Ein echtes Lachen, nicht das höfliche, das sie in Meetings einsetzte. Jonas drehte den Kopf zu ihr, und für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke im Halbdunkel. Es war kein langer Blick. Aber er war vollständig. Als enthielte er alles, was zwischen zwei Menschen möglich ist, zusammengedrängt in eine Sekunde — Neugier, Anerkennung, diese leise Frage, die noch keine Antwort erwartet.

Lena wandte sich wieder dem Regen zu. Ihre Schulter war jetzt näher an seiner als zu Beginn. Sie hatte sich nicht bewegt, er hatte sich nicht bewegt — und trotzdem war der Abstand kleiner geworden. Als hätte die Nacht selbst sie ein Stück zusammengeschoben, unmerklich, ohne Drama. Sie spürte die Wärme, die von ihm ausging. Nicht als Hitze, sondern als Präsenz: dieses leise Bewusstsein, dass ein anderer Körper neben dem eigenen existiert, atmet, fühlt.

„Darf ich dich etwas fragen?", sagte Jonas nach einer Weile. Seine Stimme war ruhiger als vorhin, eine Nuance tiefer, als spräche er für diesen Moment nur mit ihr und nicht für den Raum.

„Mmh."

„Was hast du dir gedacht, als du das Zimmer gebucht hast? Nicht was du dir erhofft hast — was du dir gedacht hast."

Lena überlegte. Es war eine ungewöhnliche Unterscheidung, und sie merkte, dass sie sie nicht abwimmeln wollte mit einer schnellen Antwort. „Ich hab gedacht: Zwei Tage. Einfach zwei Tage, in denen niemand etwas von mir will. Keine Deadline, keine E-Mails, kein Lächeln auf Anfrage." Sie strich sich mit den Fingerspitzen über den Unterarm, eine unbewusste Geste. „Und dann hab ich die Buchungsbestätigung ausgedruckt und in meinen Kalender eingetragen. Mit Zeitblock. Und Erinnerungsfunktion."

„Natürlich", sagte er, ohne Ironie.

„Natürlich", wiederholte sie, und diesmal lag Selbstironie in ihrem Ton, die sie sich selten erlaubte. „Ich bin auch im Urlaub noch ich selbst. Das ist das Problem."

„Ich glaube nicht, dass das ein Problem ist." Er sagte es ruhig, sachlich fast, ohne Beschönigung. „Ich glaube, du weißt sehr genau, wer du bist. Das ist selten. Nur — manchmal kostet es was, das so konsequent zu sein."

Lena sah ihn an. Der Regen hatte sich verändert, war leiser geworden, ein gleichmäßiges Murmeln statt des ersten heftigen Aufpralls. Irgendwo weit weg grummelte der Donner, schon weiter weg, das Gewitter zog ostwärts. Aber sie blieben stehen. Keiner machte Anstalten zu gehen.

„Was kostet es?", fragte sie.

Jonas dachte nach. Wirklich nach, das konnte sie sehen — er ließ sich Zeit, suchte nach den richtigen Worten statt nach bequemen. „Die Momente, in denen du einfach bist. Ohne Ergebnis. Ohne Funktion." Er sah auf seine Hände, die er auf das Geländer gelegt hatte. „Wie jetzt gerade."

Lena sagte nichts. Aber sie ließ seine Worte landen, ließ sie sinken, wie Steine ins Wasser sinken — erst langsam, dann schneller, dann weg, aber nicht verschwunden. Irgendwo am Boden. Sie spürte, wie sich etwas in ihrer Brust verschob, unmerklich, wie eine Tür, die sich einen Spalt öffnet, ohne aufzugehen.

Ihre Schultern berührten sich jetzt. Nicht viel — nur die Stelle, wo der Stoff seines Hemds an ihrem Mantel lag, eine dünne Schicht zwischen zwei Körpern. Sie bewegte sich nicht weg. Er auch nicht. Der Kontakt war so beiläufig, dass man ihn hätte leugnen können, und so bewusst, dass beide wussten: Sie leugnen ihn nicht.

Der Regen wurde zu einem Flüstern. Der See war wieder zu hören, nicht als Prasseln, sondern als das sanfte Kräuseln, das Wasser macht, wenn es sich nach einem Sturm neu sortiert. Lena atmete langsam aus, und in diesem Ausatmen war etwas, das sie tagsüber nie zugelassen hätte — ein Loslassen, das kein Aufgeben war, sondern einfach: Pause. Echte Pause. Die Art, die nicht in Kalendern steht.

„Ich glaube, ich werde bald wieder schlafen können", sagte sie, aber sie machte keine Anstalten zu gehen.

„Ich auch", sagte er. Auch er rührte sich nicht.

Sie standen noch eine Weile so. Die Nacht trocknete langsam, der Geruch des Regens wurde flacher, verlor seine Schärfe. Irgendwo im Gebüsch am Seeufer begann ein Frosch zu rufen — ein einziger zunächst, dann zwei, dann eine ganze Runde, als hätten sie auf das Ende des Gewitters gewartet. Lena lächelte in die Dunkelheit hinein, ohne Grund, ohne Adressat, einfach so.

Als sie schließlich aufbrach, drehte sie sich kurz zu ihm um. Kein langer Abschied, keine Umarmung, kein Moment, der mehr sein wollte, als er war. Nur ein Blick, ruhig und offen, der sagte: Ich bin hier. Ich sehe dich. Das reicht für jetzt.

Jonas nickte leicht. Fast unmerklich. Aber sie sah es.

Lena ging durch die Terrassentür zurück in ihr Zimmer, zog den Mantel aus, ließ die Sandalen fallen. Das Laken war noch warm, als sie sich hineinlegte, und der Geruch des Regens hing noch in ihrer Haut, in ihren Haaren, in dem Baumwollstoff des Mantels, den sie über die Stuhllehne geworfen hatte. Sie lag auf dem Rücken und sah an die Decke, auf der das schwache Licht der Nacht träge Muster zeichnete.

Die Frösche riefen weiter. Der See murmelte. Und Lena dachte an die Wärme einer Schulter, die sie kaum berührt hatte — und wie viel das gesagt hatte, ohne ein einziges Wort zu sein.

Kapitel 5 · Die Kunst des Schauens

Wer wirklich hinzuschauen versteht, sieht nicht nur Oberflächen — er sieht die kleinen Entscheidungen, aus denen ein Mensch besteht.

Lena hatte das Frühstück halb vergessen. Ihr Kaffee war längst lauwarm, das Croissant auf dem weißen Teller nur angebrochen, und dennoch saß sie reglos an ihrem Tisch am Fenster, den Blick nicht auf den See gerichtet, der nach dem nächtlichen Gewitter in einem ungewöhnlich stillen Silber lag, sondern auf Jonas. Er stand am anderen Ende des Speisesaals und sprach leise mit einer der Küchenmitarbeiterinnen — eine junge Frau mit rotblondem Zopf, die etwas erklärte und dabei mit den Händen formte, was sie meinte. Jonas hörte zu. Nicht mit der halben Aufmerksamkeit eines Managers, der gleichzeitig an drei andere Dinge denkt, sondern vollständig. Er lehnte leicht gegen den Türrahmen zur Küche, die Arme locker verschränkt, und nickte einmal, langsam, bevor er etwas antwortete, das Lena nicht hören konnte. Die junge Frau lachte kurz auf, entspannte sich sichtlich und verschwand wieder hinter der Schwingtür.

Lena griff nach ihrer Skizzenmappe. Es war ein Reflex, kaum bewusst — dieselbe Bewegung, die sie manchmal mitten in Meetings vollzog oder in Wartezimmern, wenn etwas an einem Gesicht, einer Haltung, einem Lichteinfall ihr sagte: Das hier ist wichtig, das hier musst du festhalten. Der Bleistift lag zwischen ihren Fingern, bevor sie sich entschieden hatte, ihn zu benutzen.

Jonas hatte sich inzwischen einem älteren Ehepaar zugewandt, das an einem der runden Tische nahe der Terrassentür saß. Lena kannte sie flüchtig vom Vorabend — sie hatten ihr höflich zugenickt, als sie an der Bar vorbeigegangen war. Jetzt beugte Jonas sich ein wenig vor, um etwas auf der aufgeklappten Wanderkarte zu zeigen, die der Mann ihm hinhielt. Seine linke Hand ruhte auf der Stuhllehne, nicht um sich abzustützen, sondern als eine Art stille Geste der Zugehörigkeit — als wolle er sagen: Ich bin hier, nehmen Sie sich die Zeit. Lena begann zu zeichnen.

Zuerst nur Linien. Die Schulterpartie, die leichte Neigung des Kopfes, die Art, wie das Licht vom See durch die großen Panoramafenster fiel und seinen Rücken in zwei Hälften teilte — eine helle, eine im Schatten. Sie arbeitete schnell, wie sie es immer tat, wenn sie fürchtete, einen Moment zu verlieren. Skizzieren war für sie nie Kunst um der Kunst willen gewesen; es war Erinnern. Es war das Einfrieren von etwas, das sonst weiterfloss, ohne dass man es greifen konnte. Und Jonas war — das spürte sie in der Art, wie ihr Bleistift über das Papier glitt — einer jener Menschen, die sich dem Einfrieren widersetzten. Er war in Bewegung, selbst wenn er stillstand. Selbst in seiner Ruhe lag etwas Unabgeschlossenes, etwas, das auf das nächste Moment wartete.

Sie wusste nicht, wie lange sie gezeichnet hatte. Zwei Seiten waren gefüllt, als Jonas sich umdrehte.

Ihr erster Impuls war, die Mappe zuzuklappen. Sie tat es nicht. Stattdessen hielt sie den Blick auf das Papier gesenkt und wartete darauf, dass er zu einem anderen Tisch ging, sich um irgendetwas kümmerte, das ihn von ihr fernhielt. Stattdessen hörte sie Schritte. Ruhige, gleichmäßige Schritte über den Eichenparkett, und dann stand er neben ihrem Tisch, nicht direkt davor, sondern leicht seitlich — eine Haltung, die ihr eine Wahl ließ.

„Darf ich?", fragte er, und deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf den Stuhl gegenüber.

Lena legte den Bleistift ab. „Sie müssen nicht fragen", sagte sie. „Es ist Ihr Hotel."

„Es ist Ihr Frühstück", antwortete er ruhig und setzte sich.

Eine Pause entstand, die nicht unangenehm war. Draußen auf dem See zog ein kleines Ruderboot träge seine Bahn, und das Morgenlicht hatte inzwischen den silbrigen Schimmer verloren und war zu einem warmen, klaren Gold geworden. Lena schob die Skizzenmappe ein Stück zur Seite — nicht weg, nur zur Seite — und Jonas sah es. Er sah es, ohne es zu kommentieren, und das war vielleicht das Klügste, was er in diesem Moment tun konnte.

„Sie zeichnen", sagte er schließlich. Keine Frage, keine Anklage.

„Ich arbeite mit Bildern", sagte Lena. „Manchmal brauche ich das auch privat. Um zu verstehen, was ich sehe."

„Und was sehen Sie?"

Sie überlegte einen Moment lang, ob sie ausweichen sollte. Es wäre einfach gewesen — eine allgemeine Antwort über das Licht, die Architektur des Raumes, den See. Stattdessen drehte sie die Mappe um und schob sie über den Tisch.

Jonas betrachtete die Zeichnungen. Lena beobachtete sein Gesicht dabei — nicht mit dem Bleistift diesmal, sondern mit den Augen, die geschulter waren als die meisten Menschen ahnten. Sie sah, wie er die Linien nachfuhr, ohne sie zu berühren, wie sein Blick kurz bei der zweiten Skizze verweilte, bei der seine Hände auf der Stuhllehne des alten Mannes zu sehen waren. Etwas in seinem Gesicht — nicht Überraschung, eher eine Art stilles Erkennen — veränderte sich für den Bruchteil einer Sekunde.

„Das bin ich", sagte er.

„Ja."

„Ich sehe nicht so aus, wie ich dachte."

„Wie dachten Sie, sehen Sie aus?"

Er überlegte, und Lena mochte, dass er sich die Zeit dafür nahm. „Beschäftigter", sagte er schließlich. „Irgendwie mehr in Bewegung."

„Sie sind in Bewegung", sagte sie. „Aber Sie tragen die Bewegung nach innen. Das ist schwerer zu zeichnen als Gesten." Sie zog die Mappe wieder zu sich. „Und fotografisch nicht zu erfassen."

Jonas lehnte sich leicht zurück. Er sah sie an — nicht prüfend, nicht flüchtig, sondern mit derselben Qualität von Aufmerksamkeit, die sie an ihm beobachtet hatte, als er der jungen Küchenmitarbeiterin zugehört hatte. Vollständig. Und Lena merkte, wie sich in ihr etwas zusammenzog, eine Art angespanntes Innehalten, das sie vom Zeichnen kannte: der Moment, kurz bevor man den ersten Strich setzt und weiß, dass er alles verändert.

„Darf ich Sie etwas fragen?", sagte er.

„Sie haben mich gerade heimlich gezeichnet. Das gibt Ihnen mindestens eine Frage."

Ein kurzes Lächeln. „Warum kommen Sie hierher? Wirklich, meine ich. Nicht die Antwort, die man gibt, wenn man eincheckt."

Lena sah kurz auf den See. „Ich weiß nicht mehr, wie ich aufhören soll", sagte sie dann. Es überraschte sie selbst, wie einfach es herauskam — dieser Satz, den sie seit Monaten in sich trug und der sich in Gesprächen mit Freundinnen, mit ihrer Therapeutin, mit sich selbst immer in etwas Weicheres, Erklärteres verwandelt hatte. Hier, mit diesem Mann, den sie kaum kannte, saß er plötzlich unverkleidet auf dem Tisch.

„Aufhören womit?"

„Zu funktionieren." Eine Pause. „Ich bin sehr gut darin."

Jonas nickte langsam. Nicht mit dem Nicken von jemandem, der versteht, weil er Ähnliches erlebt hat — sondern mit dem Nicken von jemandem, der zuhört und dem das genug ist. „Das sieht man Ihnen an", sagte er. „Nicht als Kritik."

„Wie meinen Sie das?"

„Sie sitzen an einem Tisch mit dem schönsten Blick auf den See, Ihr Kaffee ist kalt, und Sie haben mich gezeichnet." Er machte eine kurze Pause. „Sie suchen sich Ihre eigenen Fenster."

Lena schwieg. Draußen auf der Terrasse begann jemand, die Stühle für den späteren Vormittag zurechtzustellen — das leise Scharren von Holz auf Stein, ein vertrautes, angenehmes Geräusch. Sie dachte daran, wie sie nachts auf ebendieser Terrasse gestanden hatte, seine Schulter gegen ihre, und wie dieser Kontakt — dieser winzige, kaum messbare Kontakt — in ihr noch immer nachzitterte wie der letzte Ton eines Akkords.

„Darf ich Sie zeichnen?", fragte sie. „Jetzt. Richtig, meine ich. Wenn Sie sich das vorstellen können."

Er sah sie an. „Was bedeutet richtig?"

„Dass Sie wissen, dass ich schaue. Dass Sie nicht so tun, als wäre ich nicht da."

Etwas in seiner Haltung veränderte sich — nicht dass er sich anspannte, eher das Gegenteil. Als würde er etwas loslassen, das er die ganze Zeit gehalten hatte. „Gut", sagte er einfach.

Lena nahm den Bleistift. Und diesmal war alles anders.

Nicht die Technik, nicht das Papier, nicht das Licht. Aber das Wissen, dass er wusste — dass dieser Austausch von Blicken jetzt kein heimlicher mehr war, sondern ein vereinbarter — veränderte alles. Sie musste sich nicht beeilen, nicht fürchten, ertappt zu werden. Sie konnte schauen. Wirklich schauen. Die Art, wie er die Hände auf dem Tisch liegen hatte, locker, die Finger leicht gespreizt. Die kleine Narbe über seiner linken Augenbraue, die sie vorher nicht bemerkt hatte. Die Art, wie er sie ansah, während sie ihn zeichnete — nicht neugierig, nicht unbequem, sondern mit einer ruhigen Offenheit, die sie an einen Spiegel erinnerte, der nichts beschönigt und nichts verzerrt.

Sie zeichnete sein Gesicht. Dann seine Hände. Dann noch einmal sein Gesicht, diesmal aus einem anderen Winkel, weil das Licht sich verändert hatte und weil sie merkte, dass sie mehr sehen wollte.

„Sie schauen sehr genau", sagte er nach einer Weile. Nicht als Beschwerde.

„Ich bin es gewohnt, Dinge zu sehen, bevor ich sie zeige", sagte Lena, ohne aufzuhören zu zeichnen. „Meistens sind es Logos, Layouts, Farbsysteme. Das ist einfacher. Die haben keine Meinung darüber, wie man sie betrachtet."

„Und ich?"

Sie hob kurz den Blick. „Sie auch nicht. Das ist ungewöhnlich."

Er lächelte — ein langsames, echtes Lächeln, das nicht für sie gemacht war, sondern einfach entstand. Lena hielt es fest, so gut sie konnte, in einer schnellen Linie, die sie wusste, dass sie die Qualität des Lächelns nicht vollständig einfangen würde. Manche Dinge ließen sich nicht zeichnen. Nur andeuten.

Als sie die Mappe schließlich zuklappte, saßen sie noch einen Moment lang still. Das Ruderboot auf dem See war verschwunden. Aus der Küche drang leises Klappern, gedämpfte Stimmen. Das Hotel lebte um sie herum, und doch hatte Lena das Gefühl, dass dieser Tisch, dieser Stuhl, dieser Abstand zwischen ihnen von etwa einem halben Meter etwas Eigenes bildete — eine Art Schwelle, die noch nicht überschritten war, aber über die beide bereits hinübersahen.

„Ich zeige Ihnen heute Nachmittag etwas", sagte Jonas. Er stand auf, nicht abrupt, sondern mit der ruhigen Entschlossenheit von jemandem, der einen Gedanken zu Ende gedacht hat. „Wenn Sie möchten. Es gibt einen Weg am Westufer, den die meisten Gäste nicht kennen. Gutes Licht um vier."

Lena sah ihn an. „Sie meinen, Sie zeigen mir etwas zum Zeichnen."

„Vielleicht", sagte er. Und dann, leiser: „Oder zum Schauen."

Er ging. Lena sah ihm nach — seiner Schulter, seinem Gang, der Art, wie er kurz mit der Hand den Türrahmen berührte, als er den Speisesaal verließ, eine beiläufige, fast zärtliche Geste. Sie öffnete die Skizzenmappe noch einmal und betrachtete die letzte Zeichnung. Sein Gesicht. Die Hände. Das angedeutete Lächeln, das ihr nicht vollständig gelungen war.

Dann griff sie nach dem inzwischen völlig erkalteten Kaffee und trank ihn, ohne ihn nachzubestellen. Manche Dinge schmeckten besser, wenn man aufgehört hatte, auf die perfekte Temperatur zu warten.

Kapitel 6 · Zwischen den Zeilen

Lenas Schuhe standen noch im Flur, als Jonas an ihre Tür klopfte — ein kurzes, ruhiges Klopfen, das keine Antwort erzwang, sondern sie einlud. Sie hatte die Riemen der Sandalen gerade erst in der Hand gehalten, unschlüssig, ob ein Nachmittag am See wirklich eine gute Idee war oder ob sie die Einladung nicht besser hätte abschlagen sollen, so wie sie die meisten Dinge abschlug, die zu sehr nach Verlust von Kontrolle rochen. Stattdessen öffnete sie die Tür.

Er lehnte leicht an der Wand des Korridors, hatte die Hände in den Taschen seiner hellen Leinenhose, und sein Blick streifte kurz die Sandalen in ihrer Hand. „Ich störe", sagte er — ohne die Frage, die darin lag, wirklich zu stellen.

„Nein", antwortete sie. Und ließ ihn nicht warten.

Der Weg zum Westufer führte hinter dem Hotel durch eine schmale Pforte im alten Natursteinzaun, die man leicht übersehen hätte, wenn man nicht wusste, dass sie da war. Jonas hielt sie auf, wartete, bis Lena hindurchgegangen war, und ließ sie dann leise hinter ihnen ins Schloss fallen. Das Geräusch war klein und endgültig, wie das Ende eines Satzes. Der Pfad dahinter war mit grobem Kies bestreut, von Gräsern gesäumt, die in der Nachmittagswärme träge standen, und er führte in einem sanften Bogen auf den See zu, dessen Oberfläche sich zwischen den Ästen blitzte wie etwas, das man nicht direkt anschauen konnte.

Sie gingen nebeneinander, ohne zu sprechen. Lena bemerkte, dass Jonas keinen Versuch machte, die Stille zu füllen — keine höflichen Fragen, keine Gastgeberphrasen. Er gehörte zu den Menschen, die schweigen konnten, ohne dass es unangenehm wurde, und das war selten genug, dass sie es bemerkte. Sie selbst hatte das Schweigen in den letzten Jahren verlernt. In Meetings sprach man, in Telefongesprächen sprach man, beim Abendessen sprach man, und wenn man nichts zu sagen hatte, lachte man wenigstens, damit niemand auf die Idee kam, man sei unzufrieden.

Das Ufer öffnete sich an einer Stelle, wo eine alte Weide ihre Äste bis ins Wasser streckte, und darunter lagen zwei verwitterte Holzstühle, als hätte jemand sie absichtlich vergessen. Jonas blieb stehen. „Hier", sagte er einfach.

Lena ließ sich in einen der Stühle sinken und sah auf den See hinaus. Das Wasser war ruhig, fast ölig in seiner Glätte, und am gegenüberliegenden Ufer standen die Bäume so dicht, dass man nicht wusste, was dahinter lag. Jonas setzte sich neben sie, streckte die Beine aus, verschränkte die Hände im Schoß. Er schaute nicht auf sie. Vielleicht war das der Grund, warum sie zu reden begann.

„Ich habe heute Morgen gemerkt", sagte sie, „dass ich nicht mehr weiß, wann ich zuletzt einfach gesessen habe. So wie jetzt. Ohne Telefon, ohne Liste, ohne das Gefühl, dass irgendetwas gleichzeitig versäumt wird."

Jonas antwortete nicht sofort. Er ließ den Satz im Raum stehen, gab ihm Platz, bevor er fragte: „Wann hat das angefangen?"

Lena dachte nach. Eine echte Antwort, keine reflexhafte. „Irgendwann nach dem dritten Jahr. Als das Studio anfing, wirklich zu laufen, und ich merkte, dass Erfolg vor allem bedeutet, dass mehr Leute wollen, dass man erreichbar ist." Sie pausierte. „Ich habe das lange als Freiheit missverstanden. Dass ich mir das alles selbst aufgebaut habe. Aber eigentlich ist es nur eine andere Art von Käfig."

„Und der Unterschied zu einem Käfig, den andere gebaut haben?"

„Den eigenen hält man für selbstverschuldet." Sie lachte kurz, aber es war kein fröhliches Lachen. „Also beschwert man sich nicht."

Jonas nickte langsam. Er sah jetzt auf das Wasser, und Lena hatte das Gefühl, dass er zuhörte, auch wenn er nicht schaute. Das war ein Unterschied, den sie kannte — die meisten Menschen hörten zu, um zu antworten. Jonas hörte zu, um zu verstehen.

„Was hat dich hergebracht?", fragte er dann. „Nicht das Hotel. Hierher. Ans Wasser."

Sie überlegte, ob sie die Standardversion geben sollte — Auszeit, Erschöpfung, ein freies Wochenende. Aber die Standardversion hatte sie schon zu vielen Menschen gegeben, und sie fühlte sich in seinem Beisein seltsam unzureichend an. „Ein Entwurf", sagte sie schließlich. „Ich habe drei Wochen an einem Buchcover gearbeitet. Eins, das ich wirklich wollte, nicht nur eines, das bezahlt wird. Und als ich es abgeschickt habe, war da nichts. Keine Erleichterung, keine Freude. Nur — Leere." Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Ich dachte, wenn ich die Arbeit liebe, wird das nie passieren. Aber es passiert trotzdem."

„Vielleicht ist das nicht die Arbeit", sagte Jonas ruhig. „Vielleicht ist das der Abstand zwischen dem, was du tust, und dem, was du brauchst."

Lena sah ihn an. „Was ich brauche." Sie wiederholte es, als würde sie die Worte auf ihre Schwere prüfen. „Das klingt einfacher, als es ist."

„Weiß ich." Er wandte ihr jetzt das Gesicht zu, und in seinem Blick lag keine Herausforderung, keine Erwartung — nur Aufmerksamkeit. Die Art von Aufmerksamkeit, die man selten geschenkt bekommt und die sich anfühlt wie etwas, das man nicht verdient hat, obwohl man es doch verdient. „Ich frage nicht, weil ich eine Antwort will, die sich gut anhört. Ich frage, weil ich glaube, dass du weißt, was die Antwort ist. Und sie dir nur nicht erlaubst."

Lena schwieg. Irgendwo auf dem See zog ein Vogel einen langen, klagenden Laut durch die Stille, und sie hörte, wie ihr eigener Atem sich veränderte — ruhiger wurde, tiefer. Sie hatten sich nicht berührt. Jonas saß eine Armlänge entfernt, und dennoch hatte sie das Gefühl von Nähe, das sie normalerweise nur kannte, wenn jemand sie tatsächlich hielt. Es war irritierend. Es war angenehm.

„Was ist mit dir?", fragte sie, weil sie spürte, dass sie das Gespräch zu lange auf sich gezogen hatte, und weil sie es wirklich wissen wollte. „Du fragst viel. Und gibst wenig."

Er lächelte — das leichte Lächeln, das sie schon von der Hotelbar kannte. „Stimmt."

„Warum?"

Jonas sah wieder auf das Wasser. „Weil ich gelernt habe, dass man in Gesprächen oft am meisten preisgibt, wenn man glaubt, man redet über jemand anderen." Er machte eine kurze Pause. „Und weil ich dieses Haus nicht führe, um im Mittelpunkt zu stehen."

„Das ist eine Antwort, die du schon öfter gegeben hast."

Er sah sie an, überrascht, und dann — ehrlich. „Ja. Wahrscheinlich."

Lena beugte sich ein wenig vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und betrachtete ihn seitlich. Er ließ es zu. „Wer hat dir das Hotel hinterlassen?", fragte sie, denn sie hatte es sich den ganzen Morgen gefragt, seit sie ihn beim Führen des Hauses beobachtet hatte — die Art, wie er Dinge berührte, als hätte er sie nicht selbst gewählt, sondern geerbt.

Diesmal schwieg er länger. „Mein Vater. Vor vier Jahren." Eine Pause. „Er hat es selbst gebaut. Nicht das Gebäude — das war schon da. Aber alles, was es zu dem macht, was es ist. Die Auswahl der Dinge. Die Stille. Den Gedanken, dass ein Ort atmen muss."

„Und du hast es weitergeführt."

„Ich habe versucht, es zu verstehen." Er sah sie an. „Das ist nicht dasselbe."

Lena nickte langsam. Sie verstand das — diesen Unterschied zwischen dem Weiterführen und dem Begreifen. Sie hatte es mit ihrem eigenen Leben lange so gemacht: weitergemacht, ohne zu fragen, was das alles eigentlich bedeutete. „Vermisst du ihn?"

„Jeden Tag." Keine Zögerlichkeit, keine Schutzhaltung. Nur der Satz, offen hingelegt zwischen ihnen wie etwas, das nicht weggenommen werden konnte. Und dann, leiser: „Aber das Haus hilft. Es ist, als wäre er noch in den Wänden."

Sie saßen eine Weile so, ohne zu sprechen. Die Weide ließ ihre Äste ins Wasser hängen, und irgendwo hinter den Bäumen am anderen Ufer begann sich das Licht zu verändern — nicht dramatisch, nur ein Hauch von Goldton, der sich über die Wasserfläche legte. Lena bemerkte, dass ihre Schulter fast die seine streifte, und dass keiner von beiden sich zurückgezogen hatte.

„Ich habe noch nie jemandem erlaubt, mich zu zeichnen", sagte Jonas plötzlich, ohne eine Frage gestellt bekommen zu haben. Er schaute dabei geradeaus. „Heute Morgen war das — ich weiß nicht. Ich habe es zugelassen, ohne nachzudenken."

„War das unangenehm?"

„Nein." Er wandte ihr das Gesicht zu, und in seinem Blick lag etwas, das sie nicht sofort benennen konnte — kein Begehren im rohen Sinne, eher eine Art Offenheit, die unter der Oberfläche brannte. „Das war das Überraschende."

Lena spürte, wie sich etwas in ihrer Brust verschob. Nicht unangenehm. Nur — bewegend. Sie war es nicht gewohnt, dass jemand ihr etwas gab, ohne es als Tausch zu meinen. Dass jemand von sich erzählte, ohne eine Reaktion einzufordern. Jonas tat es einfach, und das Merkwürdigste daran war, dass es sie nicht überforderte. Es machte sie ruhiger.

„Ich bin nicht gut darin", sagte sie, und ihre Stimme war leiser als beabsichtigt, „mich zu zeigen. Ich meine — nicht das Zeichnen. Das andere. Das Echte." Sie suchte nach Worten. „Ich kann eine Präsentation halten vor zwanzig Leuten und mich kein bisschen unwohl fühlen. Aber wenn jemand mich fragt, wie es mir wirklich geht —"

„Dann funktionierst du", sagte er ruhig.

„Ja." Das Wort kam leise, fast wie ein Geständnis.

Jonas bewegte sich nicht, sagte nichts, das die Stille auflöste. Er ließ sie bleiben — die Stille und das Geständnis und den Raum, den beides brauchte. Und Lena merkte, dass sie nicht das Drängen spürte, die Pause zu überbrücken, sich zu erklären, das Gesagte abzuschwächen. Hier, unter dieser alten Weide, am Rand eines Sees, dessen Namen sie noch nicht kannte, fühlte sie sich zum ersten Mal seit Monaten nicht wie jemand, der funktionieren musste.

Sie fühlte sich gesehen.

Nicht bewertet. Nicht analysiert. Nicht als Projekt oder als Typ oder als Frau, die zu viel arbeitet und zu wenig schläft. Einfach gesehen — so wie man eine Landschaft sieht, die man schön findet, ohne ihr sagen zu müssen, was sie anders machen soll.

„Danke", sagte sie nach einer Weile.

„Wofür?"

Sie dachte kurz nach. „Dass du nicht fragst, was ich jetzt tun werde. Die meisten Menschen, wenn man ihnen so etwas erzählt, fragen sofort, was der Plan ist. Wie man das ändert. Was man als nächstes tut."

Jonas schüttelte kaum merklich den Kopf. „Es muss nicht immer ein nächster Schritt geben."

Das Licht hatte sich weiter verändert, und der See lag jetzt in einem tiefen, warmen Ton, der an Bernstein erinnerte. Irgendwo hinter dem Hotel war das leise Summen einer Rasenmähmaschine zu hören, weit weg, fast unwirklich. Lena streckte die Beine aus, lehnte sich ein wenig zurück, und als ihr Schulterblatt kurz Jonas' Arm streifte, zog sie es nicht weg. Und er wich nicht aus.

„Morgen fahre ich", sagte sie — nicht als Klage, nur als Feststellung. Ein Satz, der in der Luft hing wie eine Frage, die sie nicht stellte.

„Ich weiß." Jonas sah sie an, und in seinem Blick lag keine Eile, kein Drängen, keine Schwere. Nur dieser ruhige, offene Ausdruck, der ihr seit dem ersten Abend aufgefallen war. „Dann haben wir noch heute Abend."

Lena erwiderte seinen Blick und ließ ihn diesmal nicht los. „Ja", sagte sie. „Den haben wir."

Kapitel 7 · Seidenmomente

„Kannst du überhaupt kochen, oder servierst du mir jetzt Tiefkühlpizza und nennst es Hausmannskost?" Die Frage hing noch zwischen ihnen, als Lena bereits die Stufen zur Küche hinunterstieg, die Hände locker in die Hosentaschen geschoben, so als hätte sie nicht gerade zugestimmt, den Abend in Jonas' privatem Revier zu verbringen. Es war eine dieser kleinen Schutzgesten, die sie gut kannte — der Witz als Puffer, die Ironie als Abstand. Jonas bemerkte es trotzdem. Er ließ sie passieren, ohne etwas zu sagen, und öffnete die schwere Tür zur Küche mit einer Geste, die weniger Einladung als Selbstverständlichkeit war.

Der Raum empfing sie mit Wärme. Nicht die aufgesetzte Wärme eines Restaurantbetriebs, sondern die stille, akkumulierte Wärme eines Ortes, an dem täglich gearbeitet wird — Holz und Stein, ein breiter Herd mit sechs Flammen, Kupferpfannen, die wie ausgediente Trophäen an den Wänden hingen. Eine einzelne Arbeitslampe warf einen warmen Kegel über die Marmorplatte, auf der bereits ein Schneidebrett lag, ein Messer, eine Handvoll frischer Kräuter. Lena blieb stehen und schaute sich um, langsam, wie sie es machte, wenn sie einen Raum wirklich sehen wollte — nicht nur erfassen, sondern begreifen.

„Kein Tiefkühlprodukt in diesem Haus", sagte Jonas. Er hatte bereits die Ärmel seines Leinenhemds aufgekrempelt und trat an die Arbeitsfläche. „Aber ich warne dich: Ich koche ohne Rezept. Das kann entweder sehr gut oder sehr interessant werden." Er griff nach dem Messer, dann nach einer der Zwiebeln, die er aus einer kleinen Holzkiste geholt hatte, und begann mit gleichmäßigen Bewegungen zu schneiden. Lena beobachtete seine Hände. Es gab etwas Beruhigendes daran — die Sicherheit, mit der er sich durch diesen Raum bewegte, ohne Aufhebens darum zu machen.

Sie setzte sich auf einen der Holzhocker an der Kücheninsel, zog die Beine an und legte die Arme auf die kühle Marmorplatte. „Was machst du?" „Ziegenkäse mit karamellisierten Zwiebeln, Thymian, ein bisschen Honig." Er sagte es beiläufig, ohne aufzublicken. „Und danach Pasta. Ich habe heute Morgen frische Tagliatelle gemacht." Lena hob eine Augenbraue. „Du machst deine Nudeln selbst?" „Mein Vater hat das früher jeden Sonntag gemacht. Ich hab's nie verlernen wollen." Er sagte es ohne Sentimentalität, wie man Fakten nennt, die man bereits so oft überdacht hat, dass sie ihren Stich verloren haben — aber nicht ihre Bedeutung.

Lena schwieg einen Moment. Sie dachte an das, was er ihr am Nachmittag erzählt hatte, am Ufer, mit dem leichten Licht auf dem Wasser. Wie er von seinem Vater gesprochen hatte — nicht mit Trauer, nicht mit Nostalgie, sondern mit dieser stillen, präzisen Zuneigung, die Menschen zeigen, wenn sie jemanden wirklich vermissen und sich trotzdem damit abgefunden haben. Sie hatte wenig darauf geantwortet, weil sie das Gefühl gehabt hatte, dass er keine Antwort brauchte. Nur jemanden, der zuhörte. „Darf ich helfen?" Er blickte kurz auf, und etwas in seinem Gesicht — kaum sichtbar, aber da — wurde weicher. „Du kannst den Thymian zupfen."

Sie rutschte vom Hocker und trat neben ihn. Der Abstand zwischen ihnen war höflich, bemessen, und doch war sie sich seiner Körperwärme bewusst auf eine Art, die nichts mit Temperatur zu tun hatte. Er schob ihr die Zweige hinüber, und sie begann, die kleinen Blätter von den Stängeln zu streifen, konzentriert, vielleicht ein bisschen zu konzentriert. Eine Weile sprachen sie nicht. Das Öl in der Pfanne begann zu zischen, die Zwiebeln dufteten süß und karamellisiert, und irgendwo draußen setzte der Regen neu ein — nicht heftig, sondern mit jener Beharrlichkeit, die eher Versprechen als Drohung ist. Lena hörte ihn gegen die Fenster tippen und dachte, dass sie in diesem Moment nichts anderes sein wollte als genau hier.

„Du bist anders als am ersten Abend", sagte Jonas plötzlich, ohne sie anzusehen. Er rührte in der Pfanne. „Wie meinst du das?" „Am ersten Abend hast du alles von dir ferngehalten. Als wäre die Luft zwischen dir und dem Rest der Welt eine Art Verhandlungsmasse." Lena lachte leise. „Das klingt nach einer sehr eleganten Umschreibung für ‚verschlossen'." „Nein", sagte er. Er wandte den Kopf und sah sie an, kurz, direkt. „Verschlossen ist etwas anderes. Du warst wach. Du hast nur entschieden, nichts preiszugeben. Das ist nicht dasselbe." Sie legte den letzten Thymianzweig hin und sah ihn an. „Und jetzt?" Er lächelte, und das Lächeln war das eines Mannes, der keine Antwort braucht, weil er sie bereits kennt. „Jetzt stehst du in meiner Küche und zupfst Thymian."

Es hätte ein harmloser Moment bleiben können. Wäre er nicht in diesem Augenblick nach dem Salz gegriffen, das hinter ihr stand, und hätte sein Arm dabei nicht ihre Schulter gestreift — leicht, kaum spürbar, so flüchtig, dass es Absicht oder Zufall gewesen sein konnte. Lena bewegte sich nicht. Sie atmete weiter, gleichmäßig, aber das Gleichmaß kostete sie etwas. Jonas griff das Salzgefäß, trat einen halben Schritt zurück und würzte die Pfanne, als wäre nichts gewesen. Aber das Schweigen zwischen ihnen hatte eine andere Konsistenz bekommen — dichter, aufmerksamer, wie Stoff, der sich von innen anspannt.

Sie aßen an der Kücheninsel. Jonas hatte zwei Gläser Weißwein eingeschenkt, kühl, leicht mineralisch, und die Teller sahen aus wie etwas, das in einem Restaurant fünfzig Euro kosten würde — Tagliatelle mit einer Sauce aus frischen Tomaten, Basilikum und einem Hauch Zitronenschale, davor der Ziegenkäse auf kleinen Brotscheiben, karamellisierte Zwiebeln und ein Faden dunklen Honigs. „Das ist gut", sagte Lena, und sie meinte es auf eine Art, die über das Essen hinausging. Er wusste das. „Danke." Mehr nicht.

Das Gespräch verlief langsam, ohne Hast, mit langen Pausen, die keine Verlegenheit erzeugten. Lena erzählte von einem Auftrag, den sie vor zwei Jahren abgelehnt hatte — eine große Werbekampagne für ein Pharmaunternehmen, gut bezahlt, ethisch fragwürdig, und wie sie danach wochenlang das Gefühl gehabt hatte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, während gleichzeitig alles in ihr daran zweifelte. „Ich funktioniere am besten, wenn ich weiß, warum ich tue, was ich tue", sagte sie. „Aber manchmal weiß ich es nicht. Und dann macht mein Kopf einfach weiter." Jonas hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Dann sagte er: „Das kenne ich. Nach dem Tod meines Vaters habe ich monatelang Dinge erledigt. Das Hotel renoviert, Verträge neu verhandelt, Personal eingestellt. Ich war funktional wie eine Maschine." Er machte eine kurze Pause. „Irgendwann hat mich eine Mitarbeiterin gefragt, wie es mir geht. Nicht das Hotel. Mir. Ich konnte die Frage nicht beantworten." Lena sah ihn an. „Was hast du gesagt?" „Ich habe gelogen." Er nahm einen Schluck Wein. „Ich habe gesagt: gut."

Sie saßen eine Weile so, mit dem Abendessen zwischen ihnen und dem Regen draußen und dem leisen Summen des Kühlschranks als einzigem Geräusch. Dann lachte Lena — nicht laut, eher ein Lachen, das aus Erkenntnis kommt. „Wir sind ein tolles Team. Zwei Menschen, die sich gegenseitig erklären, wie gut sie darin sind, sich selbst zu betrügen." Jonas lachte auch, und es war ein Lachen, das zu lange nachzuhallen schien im warmen Licht der Küche, ein Lachen, das mehr enthielt als Heiterkeit. Er lehnte sich leicht zurück und sah sie an, ohne das Lächeln ganz verschwinden zu lassen. „Vielleicht", sagte er, „ist das der Grund, warum wir uns so gut verstehen."

Lena hielt seinem Blick stand. Das war nicht selbstverständlich für sie — sie neigte dazu, Blicken auszuweichen, wenn sie zu viel enthielten, sie wegzulenken mit einem Kommentar oder einer Bewegung. Diesmal tat sie es nicht. Sie ließ den Blick geschehen, ließ sich darin ansehen, auf eine Art, die sie normalerweise als Kontrollverlust eingeordnet hätte. Jetzt ordnete sie es anders ein. Nicht Kontrollverlust. Etwas anderes. Etwas, für das sie noch keinen guten Namen hatte.

Er stand auf, um die Teller wegzuräumen, und sie half ihm, ohne darüber nachzudenken — sie nahm sein Glas und ihres, er stapelte die Teller, und sie bewegten sich durch den Raum mit einer Selbstverständlichkeit, die sich nicht erarbeitet anfühlte, sondern als wäre sie schon immer da gewesen. An der Spüle standen sie nebeneinander, und Jonas spülte, während Lena abtrocknete, und das war so banal und so unglaublich intim gleichzeitig, dass sie fast gelacht hätte — aber nicht aus Ironie, sondern aus echter, unverstellter Überraschung über sich selbst. Sie trocknete einen Teller ab, legte ihn auf den Stapel, und als sie die Hand zurückzog, berührte sie versehentlich seine. Keine halbe Sekunde. Keine Geste, die sich als solche definieren ließ. Aber keiner von beiden zog zurück, und für einen Moment standen sie so — Schulter an Schulter, die Hände einen Atemzug voneinander entfernt, und der Regen draußen und das Licht drinnen und das Schweigen, das aufgehört hatte, leer zu sein.

„Ich sollte wahrscheinlich—" begann Lena. „Bleib noch kurz", sagte Jonas. Nicht fordernd. Nicht drängend. Einfach ein Satz, der klang wie das, was er war: ein ehrlicher Wunsch. Lena legte das Tuch auf die Arbeitsplatte. Sie sah ihn an — sein Gesicht im Schein der einzelnen Lampe, die Ruhe, die er ausstrahlte, und darunter etwas anderes, das keine Ruhe war, sondern Aufmerksamkeit, Spannung, ein Zuhören mit dem ganzen Körper. Sie dachte an den Nachmittag, an das, was er gesagt hatte — dass sie nicht verschlossen sei, sondern wach. Sie dachte, dass er vielleicht der erste Mensch seit langer Zeit war, der den Unterschied kannte.

„Noch ein Glas?" fragte er. Sie nickte. Er öffnete eine neue Flasche, und sie setzte sich wieder auf den Hocker, und er lehnte sich gegen die Arbeitsfläche ihr gegenüber, und das Gespräch begann von vorne — leise, ohne Eile, mit dem Regen als Hintergrund und dem Wein als Begleitung. Aber etwas hatte sich verändert, kaum messbar, kaum benennbar, wie ein Stoff, der in der Feuchtigkeit nachgibt — Seide, die weicher wird, wenn man sie berührt. Die Schwelle zwischen Zurückhaltung und etwas anderem war nicht überschritten worden. Aber sie war dünner geworden. Deutlich dünner. Und beide wussten es, ohne es zu sagen, weil manche Dinge keine Worte brauchen — nur Zeit, und Nähe, und den Mut, beides zuzulassen.

Kapitel 8 · Das Gewicht einer Berührung

Seifenblasen lebten kürzer als Augenblicke, das hatte Lena schon als Kind gewusst — und trotzdem hatte sie nie aufgehört, ihnen nachzuschauen. Jetzt stand sie am Spülbecken der Hotelküche und beobachtete, wie der Schaum zwischen ihren Fingern zerplatzte, Blase für Blase, jede ein kleines lautloses Verschwinden, und sie dachte, dass dieser Abend sich anfühlte wie etwas, dem man nicht beim Entstehen zusehen durfte, weil es sonst aufhörte, wirklich zu sein.

Jonas räumte hinter ihr die Arbeitsfläche ab. Sie hörte das leise Klingen von Glas auf Glas, das gedämpfte Geräusch eines Topfes, der auf Gusseisen traf, und das gelegentliche Rascheln seiner Bewegungen — eine vertraute Geräuschkulisse, die sie seltsam beruhigte, obwohl sie ihn erst seit zwei Tagen kannte. Oder vielleicht genau deshalb. Manchmal war das Vertraute das Gefährlichste.

„Du wäschst ab, als wärst du allein", sagte er hinter ihr.

Lena drehte sich nicht um. „Bin ich das nicht?"

Eine kurze Pause. Dann seine Schritte, langsam, ohne Eile, und er stellte sich neben sie, nicht gegenüber, nicht hinter ihr — daneben, dicht genug, dass sie seine Wärme spürte, ohne dass er sie berührte. Er legte zwei Weingläser ins Wasser, und einen Moment lang arbeiteten sie schweigend nebeneinander, sie mit dem Schaum, er mit einem Küchentuch, das er über die Schulter gelegt hatte, und Lena dachte, dass es sich eigentlich falsch anfühlen müsste — diese Stille, diese Nähe, dieser Mann, den sie nicht kannte —, aber es tat es nicht.

„Lena." Er sagte ihren Namen wie eine Frage, die er noch nicht zu Ende gedacht hatte.

Sie hob den Blick. Er sah sie an, nicht mit der höflichen Aufmerksamkeit des Hotelbesitzers, nicht mit dem ruhigen Interesse des Gesprächspartners vom Abend, sondern mit etwas, das darunter gelegen hatte die ganze Zeit und das er jetzt nicht mehr zurückhielt. Es war keine Aufforderung. Es war eine Feststellung — ich sehe dich, und ich möchte, dass du weißt, dass ich es tue.

Lena ließ das Harnesstuch ins Wasser fallen.

Sie wollte etwas sagen, irgendetwas Kluges oder Leichtes oder Ablenkendes, die Art von Satz, die sie in den letzten Jahren perfektioniert hatte — ein Witz, eine Gegenfrage, ein elegantes Ausweichen. Aber bevor sie ihn fand, legte Jonas seine Hand auf ihre. Keine Umklammerung, kein Greifen. Nur seine Handfläche auf ihren Fingern, die noch nass waren vom Spülwasser, und der leichte Druck, der nichts verlangte und alles fragte.

Lena atmete aus.

Nicht der kontrollierte Atemzug, den sie sich angewöhnt hatte, wenn sie Ruhe simulieren wollte. Ein echter Atemzug, ungeprobt, ein kleines Loslassen. Sie merkte es selbst, und sie merkte, dass er es auch merkte, weil seine Hand sich nicht bewegte, aber irgendwie schwerer wurde — nicht im Gewicht, sondern in der Bedeutung. Das Gewicht einer Berührung, dachte sie, war selten das physische.

„Ich bin nicht besonders gut darin", sagte sie. Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte.

„Worin?"

Sie überlegte. „Darin, zuzulassen, dass jemand sieht, wo ich bin."

Jonas nickte langsam, als hätte er das schon gewusst und als wäre es ihm recht. „Ich weiß." Er zog seine Hand nicht zurück. „Du gibst sehr gute Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat."

Lena lachte — kurz, fast überrascht. „Das ist eine sehr freundliche Umschreibung."

„Ich meinte es nicht als Kritik." Er drehte sich leicht zu ihr, und sie spürte, wie der Abstand zwischen ihnen kleiner wurde, nicht weil er sich bewegte, sondern weil sie aufgehört hatte, ihn aufrechtzuerhalten. „Ich habe dich gestern Abend an der Bar beobachtet. Du hast Wein getrunken und in dein Notizbuch gezeichnet, und du hast so ausgesehen, als wärst du vollkommen zufrieden damit. Aber dann hast du dreimal zum Fenster geschaut, und jedes Mal war der Blick ein anderer."

Lena schwieg.

„Beim ersten Mal", sagte er, „hast du den Regen angesehen. Beim zweiten Mal hast du durch ihn hindurchgeschaut. Und beim dritten Mal hast du gar nicht mehr nach draußen geschaut — du hast ins Glas geschaut, aber du warst woanders." Er machte eine kleine Pause. „Ich wollte wissen, wo."

Sie hatte keine Antwort darauf, die ehrlich war und gleichzeitig sicher. Also gab sie gar keine, und das war vielleicht die ehrlichste Antwort von allen. Stattdessen drehte sie sich zu ihm, und jetzt standen sie sich gegenüber, nur das Becken hinter ihr, seine Hand noch immer locker auf ihrer, und die Küche roch nach Rosmarin und Weißwein und dem leisen, feuchten Atem des Regens, der draußen gegen die Scheiben traf.

Jonas war größer als sie. Das war ihr bewusst gewesen, aber erst jetzt, in dieser Nähe, wurde es zu etwas anderem als einer Beobachtung — es wurde körperlich, eine Tatsache, die sie in sich aufnahm. Er hatte schmale Hände für einen Mann, der so viel mit ihnen arbeitete, und die Falten um seine Augen erzählten von Jahren, die er nicht versteckte. Er sah sie an mit einer Ruhe, die keine Gleichgültigkeit war, sondern das Gegenteil davon — eine Ruhe, die nur möglich ist, wenn man sich sicher ist, was man will, und bereit ist, darauf zu warten.

„Jonas." Jetzt war es sie, die seinen Namen wie eine Frage aussprach.

„Hm."

„Ich bleibe nur bis Sonntag."

Er nickte. „Ich weiß."

„Das ändert nichts daran, wie das hier gerade ist", sagte sie, und es klang weder wie eine Warnung noch wie eine Einladung, sondern wie das, was es war — eine Feststellung, die sie sich selbst genauso sagte wie ihm.

„Nein", stimmte er zu. „Das ändert gar nichts."

Er hob seine freie Hand und legte sie an ihre Wange — so langsam, dass sie jede Phase der Bewegung wahrnahm, das Näherkommen, den ersten Kontakt seiner Fingerkuppen, die Wärme seiner Handfläche, die sich an ihren Kiefer schmiegte. Kein Druck. Keine Richtung. Nur das Da-Sein seiner Hand und das Da-Sein ihres Gesichts darin, und Lena schloss für einen Moment die Augen, weil es zu viel war, alles gleichzeitig zu sehen.

Sie hörte seinen Atem. Ruhig, gleichmäßig, aber nicht unberührt — da war etwas darin, das sie erkannte, weil sie es selbst kannte: die Beherrschtheit eines Menschen, der lernt, sich zu beherrschen, gerade weil er es so schwer findet.

Als sie die Augen wieder öffnete, war sein Gesicht nah — nicht so nah, dass es unvermeidlich war, aber nah genug, dass alles, was jetzt folgte, eine Entscheidung sein würde. Keine der stummen, halb bewussten Entscheidungen, die man später als Versehen beschreibt. Eine echte Entscheidung, mit vollem Bewusstsein, und Lena merkte, dass sie sie bereits getroffen hatte — irgendwo zwischen dem ersten Blick an der Bar und dem Moment, in dem sie seinen Namen zum ersten Mal nicht als Anrede, sondern als etwas anderes gehört hatte.

Sie bewegte sich auf ihn zu. Nicht viel. Ein Zentimeter vielleicht, oder zwei — aber es war genug, und er verstand es, weil er aufgehört hatte, Distanz zu halten, gleichzeitig mit ihr, und dann waren seine Lippen auf ihren, leise, fragend, ohne Eile, genau so wie seine Hand auf ihrer gewesen war, und Lena dachte nichts mehr, weil Denken gerade das Falscheste war, was sie hätte tun können.

Der Kuss war kurz. Kürzer, als sie erwartet hatte — nicht aus Zögern, sondern aus einer Art Sorgfalt, als wäre er sich bewusst, dass zu viel auf einmal das zerstören konnte, was sie gerade aufgebaut hatten, dieses fragile, genaue Gleichgewicht zwischen zwei Menschen, die sich erlauben, wirklich gesehen zu werden. Als er sich zurückzog, blieb er nah, seine Stirn fast an ihrer, und Lena spürte, wie ihr Herz schlug — nicht aufgeregt im flattrigen Sinn, sondern tief und bestimmt, als hätte es sich an etwas erinnert, das es lange vergessen geglaubt hatte.

„Du siehst gerade nicht so aus", sagte er leise, „als wärst du allein."

Lena lachte. Es war ein anderes Lachen als vorhin — wärmer, weniger überrascht, mehr von innen. „Nein", sagte sie. „Bin ich nicht."

Sie standen noch eine Weile so, in der Küche, während der Regen draußen gleichmäßig gegen die Scheiben traf und die Nacht sich um das Haus legte wie etwas Vertrautes. Das Wasser im Becken wurde kalt, und irgendwann löste Lena sich, nicht weit, nur genug, um wieder atmen zu können, und Jonas ließ es zu, ohne es zu beenden — er ließ seine Hand an ihrer Wange, bis sie selbst einen halben Schritt zurücktrat, und auch das verstand er, weil er von Anfang an verstanden hatte, dass sie jemand war, der Raum brauchte, um sich zu entscheiden, und der sich nur dann wirklich entschied, wenn er nicht gedrängt wurde.

„Ich muss noch die Gläser abtrocknen", sagte sie.

„Ja", sagte er.

Aber keiner von ihnen bewegte sich sofort.

Draußen lief der Regen die Fensterscheiben hinunter, und drinnen trocknete Lena Weingläser ab, Stück für Stück, während Jonas die Arbeitsflächen abwischte, und sie sprachen wenig, aber das Schweigen war von einer anderen Qualität als zuvor — dichter, bewohnter, das Schweigen zweier Menschen, die nicht mehr so tun, als wären sie hauptsächlich höflich miteinander. Manchmal berührten sich ihre Arme, wenn sie aneinander vorbeigingen, und keiner von ihnen wich aus.

Als die Küche aufgeräumt war, lehnte Jonas sich gegen den Tresen und sah sie an. „Noch ein Glas Wein?"

Lena zögerte. Nicht weil sie zögerte, sondern weil sie den Moment halten wollte — diesen genauen Punkt, an dem noch alles offen war und gleichzeitig nichts mehr unentschieden. „Ja", sagte sie dann. „Aber nicht hier."

Er hob leicht die Brauen.

„Draußen", sagte sie. „Auf der Terrasse. Ich möchte den Regen hören."

Jonas lächelte — nicht das höfliche Lächeln des Hotelbesitzers, nicht das ruhige Lächeln des Gesprächspartners, sondern ein Lächeln, das echte Freude enthielt, unkompliziert und direkt, und Lena dachte, dass er wahrscheinlich selten so lächelte und dass es schön war, es zu sehen. Er holte eine Flasche aus dem Kühler, zwei Gläser, und hielt ihr die Tür auf, und als sie hindurchging, streifte seine Hand flüchtig ihren Rücken — kaum eine Berührung, eher ein Versprechen —, und Lena trat in die feuchte, dunkle Nacht hinaus und fühlte, wie die kühle Luft ihren erhitzten Wangen guttat und wie der Regen auf das Holzgeländer der Terrasse traf, rhythmisch und leise, und sie dachte, dass es manchmal das Kleinste war, das Gewicht hatte — eine Hand, ein Name, ein Zentimeter Bewegung auf jemanden zu —, und dass sie heute Abend aufgehört hatte, so zu tun, als wüsste sie das nicht.

Kapitel 9 · Die Nacht ohne Uhr

„Ich weiß nicht, wie spät es ist", sagte Lena, und es klang nicht wie eine Feststellung, sondern wie ein Geständnis.

Jonas antwortete nicht sofort. Er hielt sein Weinglas mit beiden Händen, als wäre es etwas Zerbrechliches, und sah auf den See hinaus, der im Regen kaum noch zu erkennen war — nur ein dunkles Atmen hinter den Tropfen, die auf das Terrassendach trommelten. Dann sagte er: „Gut so." Und das war alles, was er brauchte.

Lena lehnte sich in den Sessel zurück. Ihre Schulter berührte seine, und sie ließ sie dort. Keine Entschuldigung, keine reflexartige Korrektur der Körperhaltung, kein halbherziges Rücken um Zentimeter. Sie spürte die Wärme durch den Stoff seines Hemdes, und etwas in ihr, das seit Jahren auf Spannung gehalten worden war wie ein Bogen, begann sich langsam, fast unmerklich zu entspannen. Draußen fiel der Regen gleichmäßig, ohne Eile, als hätte er keinen anderen Plan, als diese Nacht zu begleiten.

„Du hast mich heute Mittag beim Zeichnen beobachtet", sagte sie. Es war kein Vorwurf.

„Einen Moment lang", gab er zu. „Du hast nicht gemerkt, dass du dabei die Lippen zusammenpresst. Immer wenn du überlegst." Er wandte den Kopf, und sie sah das leise Lächeln, das er nicht ganz verbergen wollte. „Ich wollte dich nicht stören."

„Aber du bist geblieben."

„Ja."

Sie trank einen Schluck Wein. Er schmeckte nach Kirschen und nach etwas Dunklerem darunter, und sie dachte daran, wie selten sie in den letzten Jahren wirklich geschmeckt hatte, was sie aß oder trank. Wie selten sie überhaupt inne geblieben war. Sie hatte funktioniert, hatte geliefert, hatte Deadlines eingehalten und Kunden beschwichtigt und abends mit dem Laptop auf dem Schoß gesessen, weil Stillsein sich wie Versagen angefühlt hatte. Und jetzt saß sie hier, auf der Terrasse eines Hotels am Ende einer Schotterstraße, im Regen, der nichts von ihr wollte, neben einem Mann, der sie ansah, als wäre sie bereits vollständig — nicht trotz ihrer Erschöpfung, sondern mit ihr.

„Ich bin nicht gut darin, nichts zu tun", sagte sie.

„Ich weiß." Jonas stellte sein Glas auf den kleinen Tisch zwischen ihnen. Dann drehte er sich leicht zu ihr, und seine Knie berührten ihre. „Aber du schläfst hier besser als zuhause, oder?"

Sie dachte an die erste Nacht, an das Aufwachen um drei Uhr morgens mit dem Herzklopfen, das sie nicht einordnen konnte. Und an die zweite Nacht, an das tiefe, schwere Dunkel, das sie einfach getragen hatte. „Ja", sagte sie leise. „Ja, ich schlafe besser."

Er nickte, als hätte er das gewusst. Nicht selbstgefällig — einfach ruhig, wie jemand, der Geduld nicht als Strategie einsetzt, sondern als Grundhaltung. Lena betrachtete sein Profil im schwachen Licht, das durch die Terrassentür fiel. Die Lachfalten um seine Augen, die auch dann sichtbar blieben, wenn er ernst schaute. Die Art, wie er die Hände in den Schoß legte, ohne sie zu falten, ohne etwas damit tun zu müssen. Sie dachte: Dieser Mann weiß, wie man wartet. Und dann dachte sie: Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand auf mich wartet.

Der Regen verstärkte sich kurz, ein plötzliches Rauschen, das die Stille ausfüllte und dann wieder zurückwich. Irgendwo am See rief ein Vogel, einmal, und schwieg dann. Lena merkte, dass sie die Augen geschlossen hatte, ohne es zu beabsichtigen. Sie öffnete sie wieder und sah, dass Jonas sie ansah.

„Was denkst du gerade?", fragte er.

„Dass ich nicht weiß, wann ich zuletzt einfach nur hier war", sagte sie. „Nicht irgendwo hin unterwegs. Nicht dabei, das nächste Ding zu planen. Einfach — hier."

Er streckte die Hand aus und legte sie auf ihre, genau wie in der Küche, nur diesmal ohne die Frage darin. Diesmal war es eine Antwort. Seine Finger schlossen sich nicht um ihre, er ließ sie nur dort liegen, schwer und warm, und Lena drehte ihre Hand unter seiner, bis ihre Handflächen sich berührten.

Sie wusste nicht, wer von beiden zuerst aufgestanden war. Später würde sie sich daran nicht erinnern können, und das schien richtig. Es gab keinen definierbaren Moment, an dem die Entscheidung gefallen war — es gab nur das langsame Aufhören des Zögerns, das Nachlassen eines Widerstands, den sie selbst errichtet hatte und der nun nicht mehr notwendig schien. Sie standen beide, und der Regen fiel hinter ihnen, und Jonas legte eine Hand an ihre Wange, so behutsam, als wäre sie aus etwas gemacht, das er nicht beschädigen wollte.

„Du musst gar nichts", sagte er.

„Ich weiß", sagte sie. Und weil sie es wusste, weil sie ihm das glaubte ohne jeden Vorbehalt, war es das Einfachste der Welt, sich vorzulehnen und seinen Mund mit ihrem zu treffen.

Dieser Kuss war anders als der erste. Der erste war Frage und Antwort gewesen, Bestätigung, dass beides real war. Dieser hier war langsamer, tiefer, ein Gespräch ohne Worte, das sie seit zwei Tagen führten und das jetzt endlich seine eigentliche Sprache gefunden hatte. Sie spürte seine andere Hand an ihrem Rücken, keine Geste der Kontrolle, sondern eine des Haltens — als würde er sagen: Ich bin hier, du kannst dich anlehnen. Und sie tat es. Sie lehnte sich an, und das war das Schwierigste und das Leichteste zugleich.

Irgendwann — sie hatte wirklich aufgehört, die Zeit zu messen — gingen sie hinein. Die Terrassentür fiel hinter ihnen zu, und der Regen wurde zu einem gedämpften Hintergrundrauschen, einem Vorhang aus Geräusch, der den Rest der Welt auf Abstand hielt. Das Licht im Flur war gedimmt, und Jonas führte sie nicht, er ging einfach neben ihr, ihre Hände noch immer verbunden, und sie dachte: So fühlt sich das an, wenn jemand nicht vorauseilt.

In seinem Zimmer — nicht ihrem, das hatte sich ohne Diskussion ergeben, weil seines nach ihm roch, nach Holz und etwas Herbem, und weil Lena das wollte, diese Schwelle, die sie bewusst übertrat — stellte er keine Lampe an. Das Licht vom See, das Rauschen des Regens, die Dunkelheit, die nicht bedrängend war, sondern weich. Er stand vor ihr, und sie sah sein Gesicht im Halbdunkel, und er wartete. Immer noch. Auch jetzt.

Sie hob die Hände und begann, die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen, einen nach dem anderen, ohne Hast. Ihre Finger zitterten nicht. Das überraschte sie. Sie hatte erwartet, dass sie zittern würden, weil es lange her war und weil sie Lena war, die alles kontrollierte, die immer wusste, was als nächstes kam, die sich niemals in etwas fallen ließ, das sie nicht vorher vermessen hatte. Aber ihre Hände waren ruhig, und Jonas stand still und ließ sie machen, und das Gefühl, das sich in ihr ausbreitete, war kein Schwindel — es war Klarheit.

Er berührte sie, als hätte er Zeit. Als wäre die Nacht nicht begrenzt, als würde der Morgen nicht kommen, als gäbe es keine Uhr auf der Welt, die ihnen etwas schulden würde. Seine Hände auf ihrer Haut waren gleichzeitig sicher und zärtlich, und Lena dachte an das Wort, das er am ersten Abend benutzt hatte — ankommen — und verstand jetzt, was er damit gemeint hatte. Nicht ein Ort. Ein Zustand. Das Aufhören des Unterwegsseins.

Sie ließ sich von ihm auf das Bett ziehen, und das Laken war kühl unter ihr, und sie zog ihn zu sich herunter, und für eine lange Zeit sprachen sie nicht. Nicht weil es nichts zu sagen gab, sondern weil der Körper eine eigene Sprache hat, genauer und ehrlicher als Worte, und weil Lena zum ersten Mal seit langer Zeit bereit war, diese Sprache zu sprechen, ohne sich vorher den Text aufzuschreiben.

Es gab Momente, in denen sie sein Gesicht in der Dunkelheit suchte und es fand, und er sah sie an, wirklich ansah, nicht durch sie hindurch und nicht auf sie projizierend, sondern sie — diese Lena, müde und offen und ohne Schutzschild — und das war das Intensivste, nicht die Berührung, nicht der Atem, sondern das Gesehen-Werden. Sie hatte vergessen, wie sehr sie das vermisst hatte. Oder vielleicht hatte sie es nie wirklich gehabt.

Danach lagen sie nebeneinander, und der Regen fiel noch immer, und Lena starrte an die Decke und wartete auf das Unwohlsein, das normalerweise nach solchen Momenten kam — das Bedürfnis, sich zu erklären, sich zu schützen, das Geschehene einzusortieren. Es kam nicht. Stattdessen war da eine Stille, die sich von innen anfühlte, nicht von außen auferlegt.

„Bleib", sagte Jonas. Nicht als Forderung. Als Einladung.

Sie drehte den Kopf und sah ihn an. Sein Profil im Dunkel, die ruhige Linie seiner Schulter, die Art, wie er atmete — gleichmäßig, ohne Anstrengung. „Ich bin doch hier", sagte sie.

„Ich meine morgen früh. Bleib, bis du wirklich aufwachst. Nicht weil du musst."

Sie dachte an ihren Kalender, an die Notizen auf ihrem Laptop, an die E-Mails, die am Montagmorgen auf sie warteten. Dann ließ sie all das los, bewusst, wie man eine Hand öffnet und etwas fallen lässt. „Ja", sagte sie. „Ich bleibe."

Er legte den Arm um sie, und sie legte den Kopf an seine Brust, und sie hörte seinen Herzschlag, langsam und verlässlich, und der Regen trug sie beide, und die Nacht hatte keine Uhr mehr, und das war genau richtig.

Sie schlief ein, ohne es zu merken — einfach glitt sie hinüber, ohne Widerstand, ohne das übliche Kreisen der Gedanken. Das letzte, was sie wahrnahm, war sein Atem an ihrem Haar und das Gefühl, dass sie nirgendwo hin musste, dass sie bereits dort war, wo sie hingehörte, zumindest für diese Nacht, zumindest jetzt, und dass das genug war — mehr als genug.

Kapitel 10 · Sonntag, nach dem Regen

Lenas Finger strichen über den Reißverschluss des Koffers, ohne ihn zu schließen. Sie stand am Fenster, das Zimmer noch warm von der vergangenen Nacht, und betrachtete den See, der in einem Licht lag, das sie nicht hätte beschreiben können — zu weich für Morgen, zu klar für Traum. Irgendwo im Haus bewegte sich jemand. Schritte auf Holz, das leise Klacken einer Tür. Sie erkannte seinen Gang bereits. Diese Erkenntnis traf sie unvermittelt, wie ein Schritt auf eine Treppenstufe, die man nicht erwartet hatte.

Sie zog sich an ohne Eile. Das cremefarbe Leinenkleid, das sie am Freitagabend noch für zu schlicht gehalten hatte. Jetzt passte es. Sie ließ die Haare offen und betrachtete sich kurz im Spiegel, nicht prüfend, sondern beinahe neugierig — als würde sie eine Frau ansehen, die sie gerade erst kennenlernte. Die Frau im Spiegel sah ruhig aus. Nicht leer, sondern ruhig. Das war ein Unterschied, den Lena in den letzten Jahren verlernt hatte zu machen.

Jonas stand bereits auf der Terrasse, als sie nach unten kam. Er hatte den kleinen runden Tisch am Seeufer gedeckt — keine aufwändige Geste, nur Tassen, Brot, ein Glas mit einzelnen Margeriten, die er offenbar aus dem Wiesenstück hinter dem Bootssteg gepflückt hatte. Er drehte sich um, als er ihre Schritte auf den Holzdielen hörte, und lächelte auf diese Art, die nichts beweisen wollte. Sie mochte das an ihm. Dass er nie versuchte, etwas zu beweisen.

„Hast du gut geschlafen?" fragte er, obwohl die Frage seltsam klein klang für alles, was zwischen ihnen war.

„Ja", sagte sie. Und dann, nach einem Moment: „Besser als seit sehr langer Zeit."

Er nickte, als hätte er das gewusst, und schenkte Kaffee ein. Sie setzte sich, und eine Weile sagten sie beide nichts. Der See lag vor ihnen wie eine aufgeschlagene, noch unbeschriebene Seite. Ein Fischreiher stand reglos am gegenüberliegenden Ufer. Irgendwo zog ein Boot seine stille Linie durch das Wasser, weit genug entfernt, um nicht zu stören. Lena umfasste ihre Tasse mit beiden Händen und spürte die Wärme in ihren Handflächen, und für einen Moment schien ihr das die vollständigste Empfindung der letzten Monate zu sein — dieses einfache, körperliche Bewusstsein von Wärme und Gewicht und Stille.

„Du fährst heute nach dem Frühstück?" fragte Jonas schließlich. Keine Anklage, keine Bitte. Nur eine Frage, die den Raum ließ, den er immer ließ.

„Gegen Mittag", sagte sie. „Ich möchte noch einen Moment am Wasser sitzen. Wenn das geht."

„Natürlich geht das." Er brach ein Stück Brot ab und reichte ihr die andere Hälfte, ohne darüber nachzudenken, und sie nahm sie, ohne darüber nachzudenken, und später würde ihr dieser Moment einfallen — diese selbstverständliche Geste, kleiner als alles andere, die sich trotzdem in sie einschrieb wie ein Datum in eine Rinde.

Sie aßen und tranken und sprachen wenig, und das Wenige, das sie sprachen, hatte die Textur von Dingen, die bereits verstanden sind. Er erzählte ihr, dass der Regen vom Vortag den alten Apfelbaum hinter der Scheune endlich dazu gebracht hatte, seine letzten Früchte fallen zu lassen. Sie erzählte ihm, dass sie als Kind immer nach Gewittern nach draußen gelaufen war, weil die Welt danach anders roch — echter, hatte sie damals gedacht, ohne zu wissen, was das bedeutete. Er sah sie dabei an, als würde er das aufbewahren wollen. Als würde er sich das merken.

Nach dem Frühstück spülte Jonas das Harness, und Lena setzte sich auf den untersten Steg, zog die Sandalen aus und ließ die Füße ins Wasser hängen. Das Wasser war kühler als erwartet. Sie erschrak kurz und lachte dann leise, allein, über sich selbst. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt allein gelacht hatte. Nicht aus Verlegenheit, nicht für jemanden — einfach so, weil etwas sie überraschte und ihr Körper darauf reagierte, bevor sie denken konnte.

Jonas kam nach einer Weile dazu und setzte sich neben sie, nicht zu nah, nicht zu weit. Er rollte die Hosenbeine hoch und tauchte ebenfalls die Füße ins Wasser und zog sie sofort wieder halb heraus. „Kalt", sagte er.

„Sehr", bestätigte sie.

Und dann schwiegen sie wieder, aber es war ein Schweigen, in dem man atmen konnte. Lena lehnte sich ein wenig zurück, die Hände hinter sich auf den Planken, den Kopf leicht nach hinten geneigt, und spürte das Licht auf ihrer Haut wie eine Berührung, die nichts forderte. Jonas saß ruhig neben ihr. Ihre Schultern berührten sich kaum — ein Streifen Wärme, der blieb.

„Darf ich dich etwas fragen?" sagte sie, ohne den Blick vom Wasser zu nehmen.

„Ja."

„Vermisst du das manchmal? Das Andere. Bevor das hier." Sie machte eine kleine Geste, die das Haus, den See, das ganze stille Wochenende umfasste.

Jonas dachte einen Moment nach. Nicht um Zeit zu gewinnen, das spürte sie — sondern weil er die Frage ernst nahm. „Manchmal vermisse ich das Gefühl, wichtig zu sein", sagte er schließlich. „In dieser lauten Art, weißt du. Dass jemand auf dich wartet, weil du gebraucht wirst. Meetings, Fristen, das ganze Gerüst." Er pausierte. „Aber dann merke ich, dass ich dieses Gerüst damals gebraucht habe, weil ich ohne es nicht wusste, wie ich stehen soll."

Lena drehte den Kopf und sah ihn an. Er sah aufs Wasser.

„Und jetzt weißt du es?" fragte sie leise.

„Meistens." Ein kurzes, ehrliches Lächeln. „Nicht immer."

Sie nickte langsam. Das verstand sie. Das verstand sie so genau, dass sie nichts dazu sagen musste, und er schien das zu wissen, denn er sah sie jetzt an — kurz, ruhig, ohne Erwartung — und dann wieder aufs Wasser.

Gegen elf Uhr ging Lena nach oben. Sie packte sorgfältig, ohne Hast, und es war ein anderes Packen als das Freitagabend-Auspacken, das sie fast zögernd vorgenommen hatte, als wollte sie sich nicht zu sehr einrichten. Jetzt faltete sie jeden Gegenstand mit einer seltsamen Sorgfalt, als würde sie nicht nur Kleidung zusammenlegen, sondern auch etwas anderes, Unsichtbares, ordentlich in sich verstauen. Die Kosmetiktasche. Das Ladekabel. Das Buch, das sie nicht aufgeschlagen hatte.

Sie blieb stehen, als sie den Skizzenblock auf dem Nachttisch sah.

Am Samstagvormittag, während Jonas die Gäste aus Zimmer drei verabschiedet hatte und das Haus für eine Stunde still und ihr gehört hatte, hatte sie sich ans Fenster gesetzt und gezeichnet. Nicht das Wasser, nicht den Steg, nicht die Bäume. Sie hatte Jonas gezeichnet — aus dem Gedächtnis, mit dem weichen Bleistift, den sie immer dabei hatte und selten benutzte. Es war kein Porträt im klassischen Sinne. Eher ein Gefühl in Linien: die Art, wie er am Tresen stand, leicht nach vorn geneigt, die Hände flach auf der Holzfläche. Die Ruhe in seinen Schultern. Das Licht, das von der Seite kam und seinen Hals beschattete.

Sie hatte es nicht geplant. Und sie hatte es, als es fertig war, schnell zugeklappt und nicht mehr angesehen.

Jetzt riss sie die Seite heraus — vorsichtig, entlang der Perforation — und glättete sie auf dem Bett. Sie betrachtete sie lange. Es war gut. Nicht perfekt, aber gut, und es war ehrlich, und das war mehr wert. Sie faltete sie nicht. Sie legte sie offen auf das frisch gemachte Kissen, mit einer kleinen Notiz darunter, die sie auf dem Hotelblock schrieb, mit dem kugelschreiberartigen Stift, der immer zu wenig Tinte hatte:

Damit du weißt, wie du wirkst. — L.

Sie schloss den Koffer. Jetzt mit dem Reißverschluss.

Jonas trug ihr Gepäck zum Auto, obwohl sie gesagt hatte, es sei nicht nötig. Er tat es trotzdem, ohne Aufhebens, und stellte den Koffer in den Kofferraum mit der gleichen unkomplizierten Selbstverständlichkeit, mit der er ihr am Freitag das schwere Holztor geöffnet hatte. Lena stand daneben und betrachtete das Haus noch einmal. Die verwitterte Fassade, die wilden Rosen am Zaun, die noch feucht glänzten. Das Schild, das im leichten Zug pendelte: Seehaus Velden — Zimmer mit Blick.

„Es ist ein schönes Haus", sagte sie.

„Es wird schöner, wenn jemand es sieht", sagte er.

Sie wusste nicht genau, was er damit meinte, aber sie nahm es mit, ungeklärt, so wie man manchmal einen Satz mitnimmt und ihn erst Wochen später versteht.

Sie standen sich gegenüber. Die Situation verlangte irgendetwas — einen Abschluss, eine Form. Lena war es gewohnt, Formen zu geben. Layouts, Kompositionen, Strukturen. Aber hier fand sie keine, und das war vielleicht das Ehrlichste daran.

Jonas machte einen kleinen Schritt auf sie zu und legte kurz die Hand an ihre Wange — nur eine Sekunde, nicht länger, warm und ruhig — und sie schloss kurz die Augen, und als sie sie wieder öffnete, stand er bereits einen Schritt zurück. Nicht weil er sich zurückzog. Sondern weil er fertig war mit der Geste, und sie vollständig gewesen war.

„Fahr gut", sagte er.

„Danke", sagte sie. Und dann, weil es stimmte und weil sie gelernt hatte, dass es manchmal reicht, wenn etwas stimmt: „Für alles."

Sie stieg ins Auto. Sie startete den Motor. Im Rückspiegel sah sie ihn noch stehen, die Hände in den Hosentaschen, das Haus hinter ihm, den See dahinter, alles ruhig in diesem hellen, weichen Licht. Dann bog sie auf die kleine Landstraße, und er war weg, und der See war weg, und die Rosen waren weg.

Aber das Gefühl blieb.

Nicht als Sehnsucht, nicht als Schmerz — das überraschte sie am meisten. Es blieb als etwas Ruhiges, fast Körperliches, wie eine Wärme in den Handflächen, die nach dem Loslassen einer Tasse noch eine Weile anhält. Sie fuhr durch Wälder und an kleinen Ortschaften vorbei, und irgendwann öffnete sie das Fenster, und die Luft schmeckte nach nassem Gras und Benzin und Freiheit, die keine Angst hat vor sich selbst.

Sie dachte an die Skizze auf dem Kissen. An seine Hände, die flach auf dem Tresen lagen. An das Schweigen am Steg, das so viel gehalten hatte. An den Moment, in dem sie die Tür zu seinem Zimmer aufgemacht hatte — nicht weil jemand sie gerufen hatte, sondern weil sie wollte. Weil sie sich entschieden hatte. Das war das Eigentliche. Nicht das, was danach kam, so schön und richtig es gewesen war. Sondern der Moment der Entscheidung, in dem sie sich selbst nicht überredet hatte, sondern zugehört.

Lena hatte immer geglaubt, Kontrolle sei das Gegenteil von Vertrauen. Dass man entweder das eine hatte oder das andere. Dieses Wochenende hatte ihr gezeigt, dass das falsch war — oder zumindest unvollständig. Dass es eine Art Kontrolle gab, die darin bestand, loszulassen. Nicht weil man musste. Sondern weil man sicher genug war, es zu wagen.

Sie würde Jonas nicht anrufen. Nicht heute, vielleicht nicht diese Woche. Nicht aus Spielerei, nicht aus Kälte — sondern weil sie das, was zwischen ihnen war, nicht sofort in eine Form pressen wollte. Es hatte seine eigene Form. Vielleicht würde sie in ein paar Wochen eine Postkarte schicken. Vielleicht würde sie wiederkommen, wenn der Herbst die Bäume änderte und der See andere Farben hatte. Vielleicht auch nicht. Aber das war keine Traurigkeit. Das war Offenheit.

Auf der Autobahn, als die Landschaft sich weitete und die ersten Vorboten der Stadt am Horizont auftauchten — ein Funkturm, eine Brücke, das Grau von Dächern — öffnete sie die Notizen-App auf ihrem Handy, das auf dem Beifahrersitz lag, und tippte mit dem Daumen, ohne anzuhalten:

Nicht vergessen: Wie es sich anfühlt, wenn man sich selbst nicht im Weg steht.

Sie legte das Handy wieder weg.

Draußen zog die Welt an ihr vorbei, vertraut und neu zugleich, und Lena fuhr, und sie war ruhig, und sie war ganz.

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